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Bitte mehr Gorbimania!

Matthias Ackeret

1993 sah ich Michail Gorbatschow zum ersten Mal. Es war ein Empfang im Bundesratszimmer. Adolf Ogi, damals Bundespräsident, begrüsste den ehemaligen Staatschef euphorisch. Obwohl die UdSSR zwei Jahre vorher untergegangen war, schwappte die Gorbimania auch in die Schweiz über und «Urbi und Gorbi» war mehr als ein Wortspiel. In meiner Euphorie belästigte ich den Gemeindepräsidenten der Schaffhauser Ortschaft Ramsen mehrfach, er solle Gorbi zum Ehrenbürger machen, da diese über zwei Ortsteile Moskau und Petersburg verfüge. Doch es klappte nicht, Ausländer sind für die Ehrenbürgerwürde nicht zugelassen.  

Als ich auf deutschen Internetportalen die ersten Todesmeldungen las, war von dieser Euphorie nichts mehr zu spüren. Vielmehr war von Gorbatschows Unbeliebtheit in Russland die Rede. Es dauerte, bis bild.de vermeldete: «Gorbi, Deutschland verneigt sich vor dir.» Es schien, als sei Gorbis einstige Leuchtkraft am Realitätscheck gescheitert. Trotzdem mutet es an, als würde man Boris Becker nur an seinen Schulden messen, bestes Beispiel ist die aktuelle Titelgeschichte im «Spiegel», als der Reporter Gorbatschow indirekt vorwarf, zu wenig konsequent gehandelt zu haben.

Gorbatschow – zu wenig konsequent? Es gibt wohl keinen Politiker, der sein Programm konsequenter durchgezogen hat als Gorbatschow. Gorbi hat post mortem wirklich Besseres verdient: Er hat den Staaten des Warschauer Paktes die Freiheit und Deutschland die Wiedervereinigung ermöglicht. Dass beim Fall der Mauer kein Schuss fiel, obwohl noch mehrere hunderttausend russische Soldaten in der DDR standen, ist sein Verdienst. Es ist nicht seine Schuld, dass Putin nun alles rückgängig zu machen versucht. 

Bei allem kritischen Hinterfragen: Bei Gorbatschow überwiegt das Positive. Selbst wenn er nicht Ehrenbürger von Ramsen ist.


Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

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