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Brotz hat der SRG einen Bärendienst erwiesen

Marcus Knill

Sandro Brotz, Moderator der «Arena», fragte SVP-Fraktionspräsident Thomas Aeschi in der Politsendung, ob er «Brandstifter» sei. Brotz stellte die Frage, weil der SVP-Politiker im Nationalrat gesagt hatte, es dürfe nicht sein, dass Nigerianer oder Iraker plötzlich 18-jährige Ukrainerinnen vergewaltigen.

Diese Aussage wurde als rassistisch bezeichnet. Aeschi gestand, einen Fehler gemacht zu haben. Er habe leider nicht erwähnt, dass sich die Aussage auf einen Fall in Deutschland beziehe. Nach der Entschuldigung holte Brotz erst richtig aus: «Was Sie gesagt haben, ist rassistisch. Punkt. Ausrufezeichen!». Aeschis Rechtfertigung sei «ganz billig».

Nach dieser Standpauke des Moderators beschloss die SVP, die «Arena» bis auf Weiteres zu boykottieren (persoenlich.com berichtete). Medienboykotte sind nicht neu. Ich habe Interessengruppen stets davon abgeraten, Brücken abzubrechen. Der Boykott kommt einer Gesprächsverweigerung gleich. Zuerst waren es die Grünen, die sich weigerten, an der «Arena» mit Aeschi teilzunehmen.

Als Kommunikationsberater teile ich die Meinung des Journalisten Christian Beck, der im persoenlich.com-Blog schreibt: «Wer mit der ‹Arena› nicht zufrieden ist, beschwert sich bei den Ombudsleuten. Der nächste Schritt wäre dann allenfalls noch die Unabhängige Beschwerdeinstanz (UBI). Das wäre der einzig korrekte Weg gewesen. Alles andere ist Kindergarten.»

Aber auch wenn ich gegen den Abbruch von Dialogen bin, zeigt sich in der Praxis: Wer die Bühne verweigert oder verlässt, erreicht immerhin etwas: Aufmerksamkeit. Und das ist in Medien ein wichtiger Aspekt.

Ich erinnere an Peter Bodenmann (damals noch SP-Parteipräsident), als er die «Arena» vor laufender Kamera verliess. Ihm gelang es, diese ungewöhnliche Situation zu nutzen. Er schaffte es dank des Weglaufens, seine Botschaft dreimal ungestört zu platzieren. Einmal beim Weggehen – die Kamera begleitete ihn. Nach der Sendung in einem Interview wiederholte er seine Kernaussage und konnte dann auch noch bei der nächsten «Arena» seine Botschaft platzieren. Für Bodenmann hatte sich das Verlassen der Bühne gelohnt.

Als SVP-Präsident Ueli Maurer 2006 mitten in der Sendung «Schawinski» aus dem Fernsehstudio lief, weil er von Roger Schawinski als «SVP-Präsident von Blochers Gnaden» bezeichnet wurde, kam es zu einem Medienwirbel. Ueli Maurer wurde aber von Kritik verschont.  

Später als Bundesrat suchte Ueli Maurer immer noch nicht die Medienpräsenz. So sagte er bei einer Anfrage, er habe «keine Lust auf die ‹Arena›». Der Finanzminister wollte die Teilabschaffung der Stempelabgabe, über die das Volk abstimmen sollte, nicht im Schweizer Fernsehen verteidigen.

Ob Maurer ausser Aufmerksamkeit mit seiner Lustlosigkeit viel gewonnen hat, sei dahingestellt. Ich vertrete die Meinung, dass jeder Medienauftritt eine Chance ist, die genutzt werden müsste.

Zurück zum fragwürdigen Verhalten von Sandro Brotz:

Es ist denkbar, dass Brotz wegen der Verweigerung der Grünen darauf bedacht war, Aeschi auf keinen Fall eine Plattform zu bieten. So ist es möglicherweise zur Überreaktion gekommen. Mit dem unprofessionellen Rotstift-Verhalten schadete er jedenfalls nicht nur sich, sondern auch dem Schweizer Fernsehen. Brotz lenkte Wasser auf die Mühlen der SRF-Kritiker, die die Finanzen der SRG beschneiden wollen.

Rückblickend müsste eigentlich auch Sandro Brotz über die Bücher gehen und zur Kenntnis nehmen, dass ein Moderator stets moderat bleiben sollte. Als Gesprächsleiter hat er die Pflicht, brenzlige Situationen zu mässigen. Sein Job ist es, Debatten zu steuern. Er darf jedoch bei Verletzungen der vereinbarten Spielregeln eingreifen, auch bei Falschaussagen oder Beleidigungen.

Moderation bleibt eine anspruchsvolle Königsdisziplin. Wir sehen in diesem Fall einmal mehr: Auch Profis können unter Druck die Nerven verlieren. Sandro Brotz hat durch sein Verhalten der SRG einen Bärendienst erwiesen. Er hat den Initianten der Halbierungsinitiative unbeabsichtigt geholfen.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Victor Brunner, 30.03.2022 08:47 Uhr
    Nicht nur Brotz hat SRG einen Bärendienst erwiesen, ebenso Ruefer der sich über den blinden Wonder lustig machte. Auch die einseitige Dok Sendung über St. Moritz war nicht dienlich. Brotz ist mittlerwile zu stark in seiner Gutmensch-Attidüde gefangen. SRG pocht auf Frauenquote, auf Respkt vor PoC, quer, aber lässt immer mehr den täglichen Anstand und Professionalität missen.
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