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Das Ende der Fotografie

Hans-Jörg Walter

Spoiler: Keine Angst, Kameras und Hochzeitsfotografen werden nicht verschwinden. Aber es wird nichts so bleiben, wie es ist, und einige Akteure müssen sich erneut umschulen lassen. Oder eine Playstation kaufen.

Als vor mehr als dreissig Jahren Photoshop 1.0 auf den Markt kam, war noch nicht abzusehen, wohin die Digitalisierung der Fotografie führen würde. Der Markt veränderte sich radikal, Berufe verschwanden, neue entstanden und die Grundlagen der digitalen Bildbearbeitung gehören mittlerweile zum Allgemeinwissen.

Doch der Wandel ist noch lange nicht vorbei. Die KI (Künstliche Intelligenz) und das Metaverse werden die Fotografie Bilderstellung erneut radikal transformieren.

Die in den letzten Jahren florierenden Stockbildagenturen, die gegen gutes Geld das Rohmaterial für Kommunikation und Werbung lieferten, werden in wenigen Jahren kein Geschäft mehr mit Pixelbildern machen können. Die Gestaltungsprogramme werden bald Bilder selber generieren, ohne Pixel herunterladen zu müssen. Wir reden hier nicht über 3D und Renderings, sondern von intelligenten generativen Verfahren:

Mittels Deep Learning lernen Programme anhand von Millionen Bildern, was ein Baum, ein Gesicht, ein Auto oder ein Hotelzimmer ist und können so weitere Sujets statistisch herstellen, ohne dass eine Kamera oder eine Bilddatenbank oder ein 3D-Artist gebraucht wird.


Die Agentur der Zukunft trifft sich mit ihren Kunden in virtuellen Studios und interagiert mit Playstation und Datenbrille. Berater, und ADs agieren jetzt als Gamer, handeln mit Daten, präsentieren von Algorithmen geschwängerte Ideen und lassen die KI die Artworks zusammenbasteln. Fotografen und Models bleiben offline.

Was vorerst nur das Bild betrifft, wird dann früher oder später auf die gesamte Kreativbranche übergreifen.

Dass dann zum Beispiel für Krankenkassenwerbung noch Kreative gebraucht werden, ist nicht mehr notwendig, auch eine clevere KI kann dann eine Variation der seit Jahren gleichen drei Ideen generieren. Sogar mit authentischen Avataren die zur Abwechslung auch mal weinen dürfen.

Auch in anderen Branchen kann für eine grosse Kampagne die KI auf die einzige Idee kommen, irgendwas mit Federer zu machen. Geht für Tourismus, Kaffeemaschinen, Versicherungen, Autos und alles, was Kohle hat.

Was bleibt, sind alle konkreten visuellen Aufgaben, bei denen Existierendes abgebildet und dokumentiert und bewiesen werden soll, also private Kinderfotos, Hochzeiten, journalistische, wissenschaftliche und forensische Bilder, die einen Wahrheitsgehalt haben müssen.

Und so kehrt die Fotografie zu ihren Ursprüngen zurück: Zeigen, was ist.



Hans-Jörg Walter verantwortet den Bereich Bildbeschaffung und Workshops bei der Ex-Press, Visuelle Medien AG. Der ausgebildete Fotograf arbeitete für die Werbung, Industrie und Editorial, als Bildchef und Creative Director in Medienprodukten und als Dozent für Fotografie.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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