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Das ist programmatische Profillosigkeit

Klaus-Dieter Koch

Der Vorgang ist einzigartig in der Schweizer Politlandschaft: Die CVP entscheidet per Urabstimmung, also basisdemokratisch, über einen Wechsel des Parteinamens (persoenlich.com berichtete). Rund 60 Prozent der Parteimitglieder sind dafür, dass das vieldiskutierte «C» aus dem Parteinamen verschwindet. Neu heissen die Christdemokraten also «Die Mitte», Zustimmung an der Delegiertenversammlung Ende November vorausgesetzt. Doch halt: der Entscheid gilt lediglich für die nationale Partei. Den Kantonalparteien steht es frei, beim hohen «C» zu bleiben.

Kann dieser Plan aus markenstrategischer Sicht funktionieren? Wird es «Die Mitte» schaffen, neue Wählerinnen und Wähler zu begeistern? Zunächst ist mal festzuhalten, dass «Die Mitte» als Parteiname denkbar ungeeignet ist. Der Jahrhundertmaler Anselm Kiefer bezeichnete Grau mal als die Farbe der Unentschiedenheit. Gleiches gilt für den Begriff «Die Mitte». Er ist Grau in Grau, die programmatische Unentschlossenheit und Profillosigkeit. Der Parteiname steht für ein vages Unbehagen gegenüber starken, extremen Positionen. Doch ebenso wie eine Marke braucht auch eine Partei zwingend Ecken und Kanten, wenn sie ihren Platz in der Politarena besetzen und eine neue Gefolgschaft aufbauen will.

Eine Marke ist immer ausgedrückter Wille. Die föderale Willensbildung in der CVP ist das Gegenteil davon und wird zur Zersplitterung statt zum Aufbruch in der Partei führen, denn es ist absehbar, dass beispielsweise das Wallis beim traditionellen Parteinamen bleibt. Mitte entsteht in der Politik ganz alleine, nämlich durch Kompromisse, die geschlossen werden. Mitte muss man nicht wählen, Mitte passiert auch so. Die Grünliberalen sind ein gelungenes Beispiel dafür.

Die Abwendung vom «C» ist das Eingeständnis, dass die Kirche als moralische Institution für sehr viele Wählerinnen und Wähler nicht mehr relevant ist, insbesondere in den Städten und Agglomerationen. Doch wie lauten nun die neuen Anker- und Referenzpunkte? Diese Frage lässt sich nicht einfach ausklammern. Wenn Parteien sich davor scheuen, Profil zu zeigen und Führung zu übernehmen, überlassen sie den lautstarken Verführern den Raum, welche die mühsam geschaffenen demokratischen Strukturen geringschätzen und aushöhlen.

Diese sechs Punkte können helfen, Parteien für die Zukunft vorzubereiten:  

  • Grenzen: Eine Partei muss wissen wofür sie steht und wofür nicht. Das gibt Profil.
  • Transparenz: Ihr Antrieb, «warum tun wir was wir tun», muss leicht erfassbar sein.
  • Klarheit: Eine Partei braucht eine klare Haltung auf Basis eines scharfen Wertesystems.
  • Attraktivität: Wähler anzuziehen war immer schon nachhaltiger als ihnen nachzulaufen.
  • Vorstellungskraft: Im Grunde verkauft eine Partei nichts anderes als Zukunft und davon braucht sie EIN klares Bild.
  • Anschlussfähigkeit: Eine Partei der Zukunft muss auf allen Kanälen die Menschen permanent einladen ihr zu folgen.


Der Markenexperte Klaus-Dieter Koch ist Gründer und Managing Partner der Managementberatung BrandTrust.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Ueli Custer, 02.11.2020 08:49 Uhr
    In der Politik ist die Mitte eine durchaus klare Position. Sie folgt nämlich der Vernunft und nicht einer Ideologie. Was passiert, wenn sich Parteien benehmen wie Markenartikel kann man in den USA sehen: ein gespaltenes Land. Es gibt nur noch schwarz oder weiss. So schafft man immer Gewinner und Verlierer. Die Schweiz hat aber eine anderes Politsystem: Das Zauberwort heisst Kompromiss. Das ist ist zwar meist eine Lösung, für die sich die Mehrheit nicht wirklich begeistert. Aber sie funktioniert dafür ohne ein Trümmerfeld zu hinterlassen. Markenführung in Ehren, aber eine politische Partei hat schon noch ein paar andere wichtige Komponenten als eine Waschmaschine.
  • Robert Weingart , 31.10.2020 08:32 Uhr
    Endlich wird mal Jemand (Koch) konkret.
  • Jürg Streuli, 30.10.2020 11:20 Uhr
    Auf elegante Weise kann sich die gescheiterte BDP vor dem offiziellen Eingeständnis drücken, dass sie eben doch eine reine Widmer-Schlumph-Partei gewesen ist. Kaum war die Kronfigur weg, folgten die Niederlagen.
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