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: Das jähe Ende von Projekt Nordwind

Während eineinhalb Jahren versuchte persoenlich.com-Redaktor Adrian Schräder mit Dominik Wichmann über die Zukunft des einstmals bedeutenden deutschen Wochentitels "Stern" zu sprechen. Einen Tag vor dem anberaumten Interviewtermin wurde der Chefredakteur schliesslich abgesetzt. Das Heft bleibt eine Baustelle.

Baustellen gibt es überall. Sie kommen und gehen. Doch einige, so scheint es, die bleiben für immer – und werden so zum Symbol für hochtrabende Utopien oder Missmanagement. So hat Barcelona die Sagrada Familia, die deutsche Hauptstadt den Flughafen Berlin-Brandenburg, Hamburg die Elbphilharmonie – und, nur wenige Meter davon entfernt, den einstmals stolzen Wochentitel "Stern".

Dort, bei Gruner + Jahr, Am Baumwall 11, sass bis vor kurzem Dominik Wichmann, ehemals Chef und findiger Blattmacher des "SZ Magazins", und tüftelte an der Umgestaltung der traditionsreichen Zeitschrift. Seine Inthronisierung im Mai vergangenen Jahres war von langer Hand geplant worden. Bereits 2010 war er nach Hamburg berufen worden, mehr als zwei Jahre amtete er vorerst als Stellvertreter der Doppelspitze bestehend aus Thomas Osterkorn und Andreas Petzold. Zeit, die er vor dem Reissbrett und in den Archiven verbrachte, um zum Kern der Marke "Stern" vorzustossen. Dann übernahm er das Ruder und stiess mehrstufige Umwälzungen an, die unter dem Projektnamen Nordwind standen.

Ein kleines Stimulans
Der kleine Schweizer Medienjournalist interessierte sich für die Bemühungen des Münchner Journalisten mit Harvard-Abschluss. Wieso? Nicht nur, weil der "Stern" einfach gelesen gehörte, sondern auch, weil er im Hause Schräder seit jeher zum Inventar zählt. Der Vater bringt ihn donnerstags vom Kiosk mit, blättert ihn durch, legt ihn auf den Wohnzimmertisch, und von dort wurde und wird er von allen Familienmitgliedern reihum inspiziert. Früher war das eine intensive, inspirierende Tätigkeit, später immer mehr ein Habitus. Ein paar bunte Bildchen, ein paar Karikaturen und Cartoons (nach wie vor herausragend), ein paar Sätze zu aktuellen Themen in den Bereichen Politik, Kultur und Gesellschaft schnappte man beim Durchblättern auf. Im besten Fall war die Zeitung ein kleines Stimulans, ermöglichte einem den Blick über ein paar Tellerränder. Die Lebensratgeber-Ecke, in die sich der "Stern" in den letzten Jahren immer weiter hineinmanövriert hat, spricht bei uns zu Hause niemanden wirklich an.

"Schlichtweg zu viel zu tun"
Auch Wichmann blieb dem eingeschlagenen Kurs treu: Gesundheit, Beziehung, Wohlbefinden, Urlaubsziele – weiche Themen anstatt harte Politik bestimmten die Titelseiten der letzten Wochen und Monate. "Alle Stücke müssen eine These haben", sagte er immer wieder. Er führte vor allem neue Kleingefässe ein, liess aber auch politische Themen und längere Texte gewähren. Meine Frage war von Anfang an: Würde er die Zeitschrift zu alter Stärke zurückführen?

Als der Verlag im März 2013 die Einsetzung Wichmanns bekannt gab, überfiel ich ihn sogleich mit einer Interviewanfrage. Ich bat ihn, schriftlich einige Fragen zu beantworten. Er willigte ein. Als ich ihm vier Tage später einen relativ umfangreichen Fragenkatalog zuschickte, krebste er zurück: "Ich schaffe es derzeit beim besten Willen nicht, Ihre Fragen zu beantworten, und bitte Sie dafür um Verständnis. Es ist schlichtweg zu viel zu tun." Eine Baustelle halt.

Wir blieben in Kontakt. Im September 2013, nach etlichen Mails, einigen Monaten im Amt und ersten inhaltlichen und layout-technischen Änderungen, erklärte er sich dann zu einem Treffen bereit. Am Freitag, dem 20. September, um 15 Uhr sassen wir in seinem Büro, tranken Kaffee und Wasser, er legte einen Ordner vor mit den Nordwind-Phasen und Layoutideen. Pläne für die Gesamterneuerung der Marke "Stern", die neben dem Hauptheft auch den Onlinebereich und Zeitschriften wie "Nido", "Neon" oder "View" umfassen. Ein Interview dazu wollte er nicht geben. Er habe schlechte Erfahrungen gemacht mit Mediendiensten. Da könne jedes Wort eines zu viel sein. Er sei deshalb sehr vorsichtig, meinte er.

Wichmann verteidigte Dobelli
Er wirkte wach und dynamisch, äusserst selbstbewusst und sehr gut informiert über den Schweizer Medienbetrieb. Er sprach wie einer, der fest im Sattel sitzt und dort noch Jahre zu sitzen gedenkt. Und er sprach von der Verpflichtung eines neuen Kolumnisten. "Übrigens ein Schweizer!", meinte er. Als ich entgegnete: "Sie meinen hoffentlich nicht Rolf Dobelli!", der damals gerade heftigsten Plagiatsvorwürfen ausgesetzt war und dessen Aura als Kolumnist nach Engagements bei "FAZ", "SonntagsZeitung" und "Die Zeit" etwas abgenutzt wirkte. Wichmann verneinte, merkte aber an, dass er die Vorwürfe gegenüber Dobelli für reine Neidattacken und den Luzerner für hochintelligent halte.

Zwei Monate später wurde die Verpflichtung von Dobelli als neuem Kolumnisten bekannt gegeben. Er präsentierte ab Anfang Jahr eine nur aus Fragen bestehende Rubrik. Die wichtigen Fragen des Lebens. So als hätte es Max Frisch nie gegeben.

Dominik Wichmann hat es gegeben. Und er hat seinen Job eigentlich nicht schlecht gemacht. Der "Stern" ist durch ihn wieder etwas spritziger und überraschender geworden. Er war recht gut durchkomponiert. Ein buntes Gemisch aus diesem und jenem.

Und trotzdem: Die Relevanz zu erhöhen, Themen zu besetzen, gelang ihm nicht wirklich. Der "Stern" hat heute das Image eines Wartezimmer- oder Frisörhefts. Mehr nicht. Und trotzdem: Ein mediales Leichtgewicht ist die Zeitschrift – trotz der schwächsten Zahlen seit den Fünfzigerjahren – noch lange nicht. Im zweiten Quartal 2014 lag die verkaufte Auflage bei 756 659 Exemplaren.

"Terminliche Komplikationen"
Wieso Wichmann nicht schon früher offiziell von "seinem" "Stern" erzählen wollte, weiss ich bis heute nicht. Immer wieder stellte er ein Interview in Aussicht, immer wieder vertagte er das Gespräch. Plötzlich wollte er dann weder von Angesicht zu Angesicht noch per Telefon oder Mail Stellung nehmen. Schlussendlich fixierten wir einen Termin am Nachmittag des 15. August. Ich hatte mir aufgrund der vielen gebrochenen Versprechungen einige Punkte ausbedungen: einen Primeur, keine Mätzchen beim Gegenlesen, mindestens eine Stunde Redezeit. Hamburg stimmte zu.

Am Vortag dann die fadenscheinige Absage: Wegen "terminlicher Komplikationen" müsse das Interview leider absagt werden. Bereits kurz zuvor war gerüchteweise durchgesickert, dass Wichmann durch Christian Krug von der "Gala" ersetzt werde. Die Meldungen bestätigten sich. Offiziell dankte man Wichmann für die getane Arbeit, inoffiziell war unter anderem von Autoritätsproblemen gegenüber der Redaktion die Rede. Ja: Der "Stern" hatte zuletzt Probleme am Anzeigenmarkt. Die Auflage aber, die bewahrte er in den letzten zwölf Monaten vor grösseren Einbrüchen. Wie dem auch sei: Am Schluss ging alles – wie immer öfter im Mediengeschäft – sehr schnell.

Die Flüge waren bereits gebucht. Statt zum Interview marschierte ich gemütlich um die Aussenalster, besuchte das Sommerfestival des Kulturzentrums Kampnagel und die Elbphilharmonie.
 Der Unterschied zwischen "Stern" und Elbphilharmonie: Bei dem Konzerthaus der Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron handelt es sich schon heute um einen Prachtbau, der das Bild der Stadt Hamburg für immer prägen wird. Was mit dem "Stern" passiert, bleibt hingegen ungewiss. Den Auflagenschwund zu stoppen, den Wichmann abgebremst hatte, scheint fast unmöglich.

Dieser Artikel erschien erstmals im aktuellen "persönlich". 

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