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Das Revival der Unternehmenskultur

Werner Raschle

Bis vor knapp drei Monaten schob die Mehrheit der Kommunikations- und Personalabteilungen und mit ihnen die Mehrheit der Unternehmen die Themen «New Normal» und «New Work» auf die lange Bank.

Und heute? Noch mitten im Krisenmodus machen sich die aktiven Kommunikations- und Personalabteilungen daran, die Mitarbeitenden nach ihren Krisenerfahrungen zu befragen: Wie klappt Homeoffice? Konnte der Büroplatz optimal eingerichtet werden? Was war die grösste Herausforderung? Wie funktionierte die Technik? Und dann sehr viel mutiger – weil Erwartungen schürend: Möchtest du auch in Zukunft von zu Hause aus arbeiten?

New Work erlebt gerade einen Superboost. Und es scheint, als ob dieser Superboost, von einigen Ausnahmen abgesehen, auch ein «New Easy» hervorgebracht hat. Kinder, die die Videokonferenz mit dem Abteilungschef crashen, oder der plötzliche Einblick in fremde vier Wände haben eine positive Lockerheit in die ansonsten angespannte Gesamtsituation gebracht.

Ich bin sicher: Alle diese Befragungen ergeben jetzt, dass die Mitarbeitenden sehr wohl bereit für New Work sind.

Just in diesem Moment geht aber vergessen, nach der Unternehmenskultur zu fragen. Danach, wie und ob es dem Unternehmen gelungen ist, in diesen Wochen im Ausnahmezustand Identifikation zu stiften und glaubwürdig zu wirken.

Es ist noch nicht lange her, da war der Begriff «Unternehmenskultur» ein veritabler Umsatztreiber für Kommunikationsagenturen, versprach er doch zahlreiche Gespräche mit der Belegschaft, eher lange Workshops mit der Geschäftsleitung und dann die Entwicklung einer hoffnungsvollen Change-Strategie. Dann der plötzliche U-Turn – und der Begriff «Unternehmenskultur» wurde aufgrund eines zunehmenden Desinteresses kundenseitig als schieres Unwort aus dem Kommunikationsvokabular gestrichen. An dessen Stelle trat Data-driven Communications und Digital Transformation. Und jetzt dies: Im Moment geht es intensiv um die «Überprüfung der Kommunikationsfrequenz zu den Kunden», um das «Aufsetzen von Sparprogrammen» oder ganz profan um das Wackeln von Arbeitsstellen oder eben der künftigen Festlegung von Homeoffice-Quoten.

In der Krise ist die Unternehmenskultur wichtiger denn je. Darum müssten die kommunikationsstrategischen Sinne für die interne Kultur heute mehr denn je geschärft werden. Die Entwicklung einer Unternehmenskultur verlangt heute nicht nach schulmeisterlichen Leitbildern, sondern nach überlegtem, vertrauensvollem und intelligentem Zusammenwirkung aller Führungsstufen und der internen Kommunikation.

Der wichtigsten Einflussfaktoren auf die Unternehmenskultur sind die Menschen im Betrieb und die Kommunikation zwischen ihnen. Kommunikation schafft Vertrauen. Nur wer vertraut, kann der korrosiven Energie, die in vielen Unternehmen durch interne Machtkämpfe, Mikropolitik oder Egozentriker hervorgerufen wird, entgegenwirken. Und wer vertraut, delegiert besser, weil er eher den Mut hat, einen – etwas profan ausgedrückt – kleinen Teil seines Schicksals in die Hände von anderen zu legen und sich dabei wohl zu fühlen. Gerade im «New Work».



Werner Raschle ist Inhaber und CEO des Personal- und Executive-Search-Unternehmens Consult & Pepper und Experte für die Rekrutierung von Fach- und Führungskräften.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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