Nach dem Hors d’Oeuvre mit der hitzigen RTVG-Abstimmung sind wir – wenn überrascht’s? – direkt beim Hauptgang angelangt. Nun geht es nicht mehr um irgendwelche technische Details der Gebührenerhebung, sondern um die ganze Wurst. Mit dem Kampfschrei vom "Service public“ drängen sich nun die Interessenvertreter selbst mit unsinnigsten Behauptungen ins Rampenlicht, um sich ein möglichst grosses Stück der aus ihrer Sicht waidgeschossenen SRG-Beute zu schnappen.
Dies sind einerseits Politiker, die ihre Klientel mit SRG-Bashing beglücken möchten. Anderseits treten nun die Verleger auf den Plan, die sich mit der ultimativen Forderung "keine Werbung für die SRG“ etwas Abfederung auf dem kontinuierlichen Schwindsuchtkurs ihrer Einnahmequellen erhoffen. Dies ist also ein hervorragender Zeitpunkt, um etwas Sachverstand in die Diskussion einzubringen.
1. Die erste Besonderheit des heimischen Fernsehmarktes ist, dass es im Gegensatz zu allen anderen Ländern Europas auch im Jahre 2015 nur einen einzigen grossen Player gibt. Weil das inländische Angebot also mangelhaft ist, beläuft sich der Marktanteil ausländischer Stationen mit 65 Prozent in einer gigantischen Dimension. Diese unbefriedigende Situation ist nicht nur die Folge des fehlenden Sprachenschutzes und der Kleinheit des Marktes, wie von der SRG seit Jahrzehnten gebetsmühlenhaft wiederholt wird. Denn es war die lange Zeit eisern durchgepeitschte Politik, echte inländische Konkurrenz zu verhindern, um damit die eigene Monopolstellung zu festigen. Mit fragwürdigen Methoden und vielen Millionen wurden vor allem die Westschweizer Verleger von SRG-Generaldirektor Armin Walpen geködert, sich in Bern für eine gesetzliche Lösung einzusetzen, bei der nur kleine, unbedeutende Lokalsender, aber keinesfalls ein privates, ernstzunehmendes sprachnationale Fernsehen Splittinggebühren erhalten sollte. Und so wurde es dann auch beschlossen. Sind diese seit vielen Jahren ausgeschütteten Millionen aber effizient eingesetzt? Dazu meinte der langjährige Bakom-Direktor Martin Dumermuth in der letzten Antwort seines letzten Interviews in der NZZ: "Ich glaube, man muss sich diese Frage beim Lokalfernsehen stellen. Die Stationen werden nur von etwa zehn Prozent der Bevölkerung geschaut. Ich bin skeptisch, ob das ausreichend ist. Das wird man analysieren müssen." Diese Analyse erfolgte jedoch nie. Diese heutige Marktsituation ist damit mitverantwortlich für den gewaltigen Unmut gegenüber einer als übermächtig empfundenen SRG.
2. Qualitativ ansprechendes Fernsehen mit vielen Genres ist in der Schweiz allein mit Werbung nicht finanzierbar. Bester Beweis dafür ist die SRG, die es nicht einmal in der Deutschschweiz schafft, ohne Gebühren zu funktionieren. Da in der Schweiz wegen des fehlenden Sprachenschutzes und aufgrund der bei uns zugelassenen zahlreichen ausländischen Werbefenster weder die britische Lösung (keine Werbung für die BBC) noch die deutsche Variante (keine Werbung für die Öffentlich-Rechtlichen nach 20 Uhr) gangbar ist, wäre eben nur die teilweise Finanzierung eines sprachnationalen TV-Senders mit Splittinggebühren ein gangbarer Weg gewesen, um eine echte, schlagkräftige Konkurrenz zur SRG zu ermöglichen. Für eine solche Lösung ist es heute aber zu spät. Es ist völlig unmöglich, heute eine sprachnationale und allein mit Werbung alimentierte qualitativ hochwertige inländische Konkurrenz zur SRG hochzuziehen.
2. Damit sind die Möglichkeiten für nationale private TV-Anbieter sehr beschränkt. Die in den letzten Jahren entstandenen Kanäle nudeln in erster Linie angegraute und damit billig erhältliche ausländische Archivware ab, die man im überquellenden digitalen Kabelangebot heute auf Dutzenden von Sendern findet. Für Eigenproduktionen bleibt wegen der tiefen Marktanteile in einem kleinen Land für einen rein werbefinanzierten Sender nur wenig Geld übrig. So verbieten sich selbst für den erfolgreichsten dieser Stationen, 3+, viele der beliebtesten TV-Genres. Dazu gehören eigenproduzierte Serien und Fernsehfilme, grosse Shows, aufwendig recherchierte Dokumentationen, attraktive Sportereignisse und kompetitive Informationssendungen. Es verbleiben neben der weite Programmstrecken füllenden Lizenzware nur die von ausländischen Privatsendern abgekupferten und erfolgsgetesteten Trash-Realityshows und billige Dokus. All dies ist meilenweit entfernt vom früher formulierten Anspruch an private Veranstalter, von denen man sich ein vielfältigeres Angebot erhoffte. Übrig geblieben ist also in der heutigen rechtlichen Situation nur der niveaumässige Bodensatz, der für die SRG weitgehend tabu ist.
3. Und damit nähern wir uns endlich dem viel beschworenen Begriff "Service public“, wie er für die nun anstehende Diskussion sinnvoll eingesetzt werden sollte, damit das Ganze nicht wieder in einem Hornberger Schiessen endet. Denn es sind meiner Meinung nach nicht zwei Bereiche, die es zu unterscheiden gilt, wie das bisher gebräuchlich ist, sondern drei: Erstens gibt es Sendungen, die ganz klar "Service public“-Charakter haben. Das sind Programme über Kultur, Wissenschaft, grosse Dokumentationen, vertiefte Information und Sendungen für klare Minderheiten. Auf der anderen Seite finden sich Genres, die ganz klar kein "Service public“ sind. Hier finden sich Sendungen wie Big Brother, die Dschungelshow, Reality-Sendungen wie Bachelor, Bauer sucht Frau oder die teilweise oder ganz gescripteten, also gefakten Realitysendungen. Kein öffentlich-rechtlicher Sender kann es sich leisten, solche Programme auszustrahlen. Dann gibt es aber in der Mitte einen bedeutenden dritten Bereich, der sowohl den öffentlich-rechtlichen als auch den privaten Sendern offensteht. Für diese Genres, die grundsätzlich allen Marktteilnehmern zugänglich sind, schlage ich als saloppen Arbeitstitel den Begriff "Service Schüblig“ vor. In einem dualen System, wie es Deutschland oder Grossbritannien kennt, finden sich hier viele Genres. Da ist einmal der Bereich Fiction mit Serien und TV-Filmen, dann das Genre Show und Quiz, sowie Sportübertragungen. Dazu gehören im Fernsehen unserer Zeit aber auch die meist platten People-Sendungen (ARD: Brisant, ZDF: Leute heute, RTL: Exklusiv, Explosiv) In der Schweiz ist dieser dritte Bereich aus den oben erwähnten finanziellen Limitationen jedoch viel enger. Denn unsere Privatsender sind bei den meisten dieser Genres aus strukturellen Limitationen gar nicht in der Lage, in Konkurrenz zur SRG zu treten. Ihnen bleibt nur ein ganz kleines Segment, in dem sie Aufmerksamkeit, Zuschauer und Einnahmen holen können. Bisher haben sie nicht einmal ein echtes People-Magazin im Stil von Glanz&Gloria stemmen können. Das heisst also, dass die SRG beim "Service Schüblig“ in vielen Genres konkurrenzlos bleiben wird. Und deshalb muss und soll sie sogar Sendungen machen dürfen, die etwa in Deutschland allein private Stationen liefern, wenn diese von einer Grosszahl von Zuschauern nachgefragt werden. Beispiele dafür sind Auswanderer-Dokus, Musik-Castingshows und Quizsendungen. SRF ist also wegen der erwähnten Parameter –im Gegensatz zu ARD und ZDF, die in einem dualen System operieren – kein klassischer öffentlich-rechtlicher, sondern ein weniger klar definierter Hybridsender, der sich vor allem in Hinblick auf die private als auch die öffentlich-rechtliche deutsche Konkurrenz positionieren muss. Diese Hybridsituation geht – wie dargestellt - über das Programmliche hinaus, und zwar bis zum oft penetrant wirkenden flächendeckenden Einsatz der Werbung. Nur wenn diese Grundlagen und Beschränkungen einmal verstanden und akzeptiert sind, ist eine sinnvolle Definition der künftigen Aufgabenstellung der SRG möglich.
4. Recht einfach ist die Definition beim Sport: Hier wird die Aufsichtsbehörde künftig festhalten müssen, welche Ereignisse ins Free TV gehören und welche auch im Pay-TV angeboten werden können. Wenn private Anbieter aus finanziellen Überlegungen passen, dann muss die SRG verpflichtet werden, diese Events im Free TV programmieren. Bei allen anderen Anlässen werden die SRG und die Privaten in direkter Konkurrenz mit den heimischen Pay TV-Anbietern stehen.
5. Die Verleger liegen mit der SRG vor allem in Sachen Internet übers Kreuz. Das ist eine relativ neue Entwicklung. Die SRG hat nämlich seit Jahrzehnten versucht die grossen Verleger in den grossen Städten bei Laune zu halten, indem sie deren TV-Abenteuer im Rahmen der seltsamen Konstruktion „Presse TV“ massiv subventioniert. Doch beim ersten richtigen Test – der RTVG-Abstimmung - gingen ihr diese Verleger von der Fahne. Noch schlimmer war die Erfahrung der SRG mit den Verlegern in der Provinz, deren notleidende Mini-TV-Stationen mit Zustimmung des grossen Bruders zukünftigen mit noch mehr Gebühren-Millionen künstlich am Leben erhalten werden sollen. Aber auch dies brachte der SRG nicht die angepeilte Unterstützung – im Gegenteil. Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument jubelte wegen des knapp positiven RTVG-Resultats schamlos über ein „Traumresultat“, weil er ja seine zusätzlichen Millionen im Trockenen hat. Die dann von seinem Verband umgehend erhobene Forderung, dass die SRG in Zukunft völlig werbefrei werden müsse, ist darüber hinaus ein Angriff aufs Eingemachte. Und wenn ein Verleger wie Peter Wanner dazu mit ernstem Gesicht öffentlich erklärt, dass die ausländischen Privatstationen von einer solchen Radikalkur nicht profitieren würden, weil ihre Werbeblöcke bereits heute voll seien, dann ist den Verlegern selbst das Minimum an rationalen Argumenten abhanden gegangen. Denn wenn das Werbeangebot im boomenden TV-Geschäft auf solch massive Weise verknappt würde, müssten selbst bei gleichbleibender Nachfrage die Preise der verbliebenen Anbieter explodieren. Das ist das Prinzip von Angebot und Nachfrage, das nur in Monopolsituationen nicht spielt, mit dem einige der betroffenen Verleger in ihrem Kerngeschäft inniglich vertraut sind. Bei einem SRG-Werbeverbot würden also weitere Hunderte von Millionen zu den quotenstarken ausländischen Privatsendern fliessen, die in der Schweiz keine oder nur infinitesimale Programmleistungen erbringen. Für die eher schmalbrüstigen und quotenschwachen Schweizer Privatsender hingegen würden, anders als Wanner insinuiert, nur Brosamen übrig bleiben..
6. Die SRG wird zurzeit nicht nur von den ideologisch getriebenen No-Billag-Leuten, zu denen sich nach der Abstimmung blitzschnell eine Natalie Rickli oder ein Hans-Ulrich Bigler geschlagen haben, als „Moloch“ bezeichnet, sondern auch von einer Zeitung wie die "NZZ am Sonntag“. Nicht allein die ständig wachsende finanzielle Potenz der SRG stösst diesen Kreisen auf, sondern auch die fehlende „Transparenz“ im Kostenbereich, wie neuerdings moniert wird. Nun ist richtig, dass ein Monopolunternehmen, bei dem die Gewinnmaximierung nicht im Zentrum steht, niemals ein leuchtendes Beispiel für Effizienz sein wird. Ohne echten Spardruck verkrusten solche Strukturen. Nun soll mit der Publikation der Produktionskosten von Sendungen oder Sendebereichen weitere Transparenz und damit eine Effizienzsteigerung erreicht werden, dies mit Hinweis auf eine ähnliche Praxis des ZDF. Dazu wurde bereits eine Motion im Parlament eingereicht , und die SRG hat dieser Forderung sofort nachgegeben. Dabei frage ich mich, wie und von wem diese zusätzlichen Daten zu interpretieren sein werden. Wer wird im Bundeshaus mit einigem Sachverstand beurteilen können, was etwa eine "effizient“ produzierte Samstagabendshow oder eine Arena kosten darf? Ab welchem Betrag beginnt die unnötige Geldverschleuderung? Die Eckdaten der einzelnen Ressorts sind ja bereits heute im Jahresbericht publiziert. Wenn die Politik sich aber in die Details der Programmplanung einbringt, dann sind wir wirklich beim Staatsfernsehen angelangt.
7. Das Misstrauen gegenüber der SRG geht aber heute noch viel tiefer. Diese negative Stimmung wird nach der von der SRG knapp gewonnenen, von der Presse aber einhellig als "Debakel“ dargestellten Abstimmung, weiter angefacht. Eine gezielt geschwächte und verängstigte SRG ist jedoch nicht mehr stark genug, sich gegen inhaltliche, vor allem auch politisch motivierte Eingriffe zur Wehr zu setzen. Das hingegen wäre fatal, denn eine blutleere SRG, die aus Angst vor weiterer Haue jedem Konflikt aus dem Weg geht, ist ein williges Opfer für Pressionsversuche. Und dann hätten wir das vollkommene Malheur, nämlich einen faktisch nicht existierenden Wettbewerb im inländischen Fernsehmarkt und eine verängstigte, mutlose Monopolanstalt. Gut möglich, dass dies gewissen politischen Gruppierungen zupass käme. Für eine lebendige Demokratie wäre dies beim wichtigsten Medium unserer Zeit aber ein absolutes No Go.
8. Also liebe Leute: Bitte nicht weiter hyperventilieren! Bitte, sich mit der Materie beschäftigen, bevor man sich mit unausgegorenen Patentlösungen zu profilieren versucht. Etwa der hochsubventionierte Bauer und SVP-PräsidentToni Brunner, der der SRG nur je zwei TV-Kanäle zugestehen will, indem man etwa den kostengünstigsten Wiederholungskanal SRF Info wegspart. Vielleicht muss dann der SRF-Programmdirektor in Ebnat-Kappel anrufen , um dort Instruktionen abzuholen, wenn der Schweizer Cupfinal und der Final beim French Open mit Stan Wawrinka gleichzeitig stattfinden. Oder dann gibt es Wortmeldungen wie die vonFDP-Nationalrat Christian Wasserfallen von der rechtsbürgerlichen Aktion Medienfreiheit, der fordert, dass die SRG bei der Unterhaltung "Federn lassen müsse“, weil ein solches Anliegen gerade hip klingt, ebenso wie das Abknipsen mehrerer Radiosender. Ja, und bitte immer die eigene Interessenlage offenlegen, damit man solche Wortmeldungen jeweils richtig einordnen kann. Dann, aber nur dann, kann aus dieser allseits geforderten Diskussion über den "Service public“ auch etwas echt Positives entstehen, das unser Medienangebot trotz aller hier aufgeführten Beschränkungen verbessert.
Roger Schawinski ist Besitzer der beiden nichtsubventionierten Zürcher Sender Radio 1 und Planet 105. Zudem betreut er im freien Auftragsverhältnis die wöchentliche Talkshow "Schawinski“ bei SRF.



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: Das SRG-Hybrid und sein Service Schüblig