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De mortuis nil nisi bene

Beni Frenkel

Am 17. April verstarb in Bern eine 59-jährige Frau. Sie lebte von der Sozialhilfe. Da ihre einzigen Verwandten in Italien wohnen und auf das Erbe verzichteten, gab das Konkursamt die Wohnung der Verstorbenen frei. Nun kommt ein 73-jähriger Verwalter ins Spiel. Er öffnete die Türe und war schockiert: In der Wohnung findet er Dutzende 100-Liter-Abfallsäcke, gefüllt mit Kleidern.

Den Warenwert der Kleider schätzt der ältere Liegenschaftsverwalter auf «sicher» 100’000 Franken. Zwei «Blick»-Reporter, Anian Heierli und Gabriela Battaglia, nehmen sich der Geschichte an. Sie recherchieren. In der Wohnung wird gefilmt wird, bis ins Schlaf- und Badezimmer. Das Berner Sozialamt muss Fragen beantworten: Woher stammen die 100’000 Franken? Macht ihr genügend Kontrolle? Hatte die Verstorbene einen Job in Italien?

Der Leiter des Sozialamts kommt ins Rudern. So viele Fragen! Er rechtfertigt sich: «Bei ausreichendem Verdacht werden monatliche Kontrollen durchgeführt.» Die beiden Autoren schwingen ein bisschen die Moralkeule: «Den Steuerzahler interessiert vor allem eines: Was kann getan werden, damit es nicht zu Missbräuchen kommt.» Ein paar empörte Leserkommentare und fertig ist die «Blick»-Geschichte.

Der Mahnspruch, dass man über Tote nur Gutes sagen soll, gilt deswegen, weil sich Tote nicht mehr rechtfertigen können. Und wenn die Verwandten im Ausland leben, gibt es noch weniger Einspruch. Im Boulevard sind solche Tote sehr beliebt.

Man soll also nichts Schlechtes über Tote sagen. Das gleiche gilt für Kleidersäcke der Caritas. Der Schreibende hat schon viele inspiziert und kann bezeugen: Da liegen viele wertvolle Kleider, Schuhe, Taschen. Sogar eine Gucci-Tasche hat er einmal entdeckt. Viele Artikel sind sogar originalverpackt.

Bei der Wohnungsführung, die der «Blick» gefilmt hat, erkennt man sie wieder: diese grossen, durchsichtigen Säcke. Oder die schwarzen Abfallsäcke, die mancherorts auf die Strasse gestellt werden. Für die Kleidersammlung. Der Schluss liegt also nahe: Die Verstorbene hat vor der Kleidersammlung diese Säcke in ihre Wohnung geschmuggelt. Edel ist das vielleicht nicht. Auf der Verbrecherskala aber sicher nicht so hoch angelegt, wie 100’000 Franken zu ergaunern. Wer am Vorabend der Kleidersammlung durch die Strassen läuft, sieht häufig, wie Kleidersäcke aufgerissen oder gleich ins Auto geworfen werden. Tragisch. Und menschlich.

Dass mehrere «Blick»-Journalisten aber nicht auf diese Idee gekommen sind, ist betrüblich. René Beutner, Chief Communications Officer CCO der Ringier Gruppe, antwortet: «Die Caritas war an der Medienkonferenz des Berner Sozialamts kein Thema.» Das stimmt. Diese Frage hätten sich die Journalisten selber stellen sollen. Auch wenn sie natürlich die Geschichte gleich killt.



Beni Frenkel, Journalist und Autor. Ab September schreibt er für den «Zürcher Oberländer».

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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