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Der Bundesrat ist besorgt – die Bevölkerung auch

Heinz Vögeli

Einige Medien haben es sich zur Aufgabe gemacht, die bundesrätlichen Corona-Medienkonferenzen als Livestream auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als Normalbürger nimmt man so an einer sehr seltsamen Inszenierung teil. Von aussen betrachtet wirken diese Veranstaltungen wie eingespielte Rituale. Rituale, wie sie oft unter alten Ehepaaren zu beobachten sind.

Wir erinnern uns noch, wie der Bundesrat im letzten Frühjahr jeweils in corpore auftrat. Filmeinspielungen zeigten, wie die Damen und Herren, den glorreichen Sieben gleich, magistral über einen Platz auf ein Gebäude zustrebten. Inzwischen scheint die bundesrätliche Front etwas zu bröckeln. Am letzten Mittwoch sass der Gesundheitsminister noch ganz allein vor einer leeren Wand. Auf der Seite rechts aussen steht ein Mensch, dem offenbar die Rolle eines Zeremonienmeisters zukommt.

Der Gesundheitsminister spricht zügig. Zweisprachig, Französisch und Deutsch. Drückt die Besorgnis der Landesregierung aus. Kündigt einmal mehr an, der Bundesrat werde irgendwann wieder Beschlüsse fassen. Keine klaren Fakten zum statistischen Verlauf der Pandemie, keine nachvollziehbaren Kennzahlen, keine klaren Ziele, die es anzustreben gilt, keine Visualisierungen und veranschaulichende Charts. Einfach Besorgnis, nach wie vor auf der Hut sein und die ständige Wiederholung: «Wir beobachten die Entwicklung sehr genau.»

In der ersten Reihe sitzen Verantwortliche der Bundesverwaltung. Auf Geheiss des Magistraten müssen sie vorsingen, Fragen beantworten, die Ausführungen des Gesundheitsministers präzisieren. Dies tun sie abgewendet von den anwesenden Medienleuten. Trotz der Schutzmasken ist nicht zu übersehen, dass einigen von ihnen der Widerwille ins Gesicht geschrieben steht. Damit sich das Mikrofon einschaltet, müssen sie offenbar während ihrer Ausführungen auf einen Knopf drücken. Dies tun sie angestrengt und mehr oder weniger geschickt.

Erkenntnisse zu vermitteln, Zusammenhänge herzustellen, scheint nicht gerade ihre Absicht zu sein. Sie beantworten nur das Allernötigste. Während in unserem nördlichen Nachbarland engagierte Diskussionen über die Impfstrategie stattfinden, herrscht bei uns eher Achselzucken. Lieferverzögerungen bei den Impfstoffen? Wir haben noch mehr davon bestellt. Wir bedauern, aber irgendwann werden bestimmt alle geimpft sein. Hauptsache die Skilifte und Gondelbähnchen laufen noch immer – mit ganz hervorragenden Schutzkonzepten.

Die Medienschaffenden scheinen sich an dieses Ritual gewöhnt zu haben. Lassen das Prozedere wie zahme Lämmer über sich ergehen. Stellen lustlos ein paar Höflichkeitsfragen. Echt heisse Themen will man ja nicht mit seinen Kolleginnen und Kollegen teilen. Erst Tage später liest man dann in den Sonntagsmedien, dass «gut informierte Personen aus der Bundesverwaltung» den Medien vertrauliche Informationen zusteckten. Nicht Transparenz und der Aufbau von Vertrauen sind die Strategie, eher gezielte Indiskretion. Keine einmalige Fehlleistung, sondern seit Monaten immer wieder ganz bewusst und systematisch eingesetzt.

Wenn dieses wöchentliche Ritual den Medienschaffenden reicht?  Okay. Auf mich als Bürger wirkt diese Veranstaltung abstossend. Vertrauen und Achtung bröckeln. Zugegeben, das Management einer Jahrhundertpandemie ist sehr anspruchsvoll. Umso wichtiger wäre mehr Sorgfalt bei der Kommunikation. In der Bundesverwaltung sitzen doch genügend Kommunikationsverantwortliche. Weshalb bringen diese ihre Kompetenzen nicht ein? Bewahren den Bundesrat vor Peinlichkeiten und Vertrauensverlust.

Es geht nicht darum, eine Show zu inszenieren. Fakten gut und verständlich aufbereiten, visualisieren und Zusammenhänge herstellen reicht vollkommen. Und Verbindlichkeit. Erwartet man von einer Veranstaltung unserer Landesregierung. Und bitte, bitte unterdrückt die niedrigen Instinkte zur Indiskretion.

PS: Am Schluss ein Lob an den Gesundheitsminister, wie eloquent er zweisprachig durch die (skurrile) Veranstaltung navigiert. Da kommt ein bisschen Stolz auf die Mehrsprachigkeit unseres Landes auf. Interessante Beobachtung: Ein Tessiner Medienschaffender stellt seine Frage auf Französisch. Offenbar rechnet er sich damit grössere Chancen aus, gehört zu werden.



Heinz Vögeli ist ehemaliger VBZ-Vizedirektor und bekannt als «Mister VBZ». Heute ist er als «Inspirator» bei der Denkfabrik Mobilität tätig.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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