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Journalismus: Der diffuse Begriff

Journalistinnen und Journalisten schreiben gerne ab. Von Wikipedia, von Pressemitteilungen, von Kolleginnen und Kollegen. Das macht Sinn, wenn es banale Fakten betrifft, die schon dutzendfach dokumentiert und wiedergegeben wurden. Man muss nicht unbedingt zwei Tage eigenhändig recherchieren, um den Lesern mitzuteilen, dass die Berliner Mauer im Jahr 1989 gefallen ist.

Schwieriger wird es, wenn nicht unstrittige Fakten, sondern einordnende und wertende Begriffe einfach gegenseitig übernommen werden. Das Paradebeispiel dafür sind die «diffusen Ängste». Eine Stichprobe ergibt: An jedem einzelnen Tag der letzten paar Wochen ist mindestens ein deutschsprachiger Artikel in einer Zeitung erschienen, in dem von diffusen Ängsten die Rede ist, so beispielsweise auf Watson, im «Tagblatt», «Tagesanzeiger», «Blick» und in der «Tageswoche».

Diffus bedeutet gemäss Definition so viel wie unklar, unscharf, verschwommen. Die «diffusen Ängste» werden in den Redaktionsstuben fast ausnahmslos dann zitiert, wenn es um Themen wie Migration, Rassismus oder Kriminalität (oder eine Mischung davon) geht. Oft ist der Auslöser für einen solchen Artikel ein reales Ereignis. Alles, was danach geschieht – Demonstrationen, Stammtischgepolter, Leitartikel in Konkurrenzmedien – ist dann aber nicht mehr real, sondern eben irgendwie diffus.

Der Verdacht liegt nahe, dass nicht in jedem einzelnen Fall untersucht wurde, ob die beschriebene Angst nun wirklich diffus oder vielleicht sogar begründet ist. Das ist oft auch schwer zu sagen. Jemand demonstriert gegen Migration, weil er Angst um seinen Arbeitsplatz hat: Diffus oder berechtigt? – Kommt drauf an, was der Mann beruflich macht. Jemand schimpft über Flüchtlinge, weil er glaubt, dass sich allmählich eine Parallelgesellschaft breit macht: Diffus oder berechtigt? – Das kann heute noch niemand verlässlich sagen.

Ängste betreffen so gut wie immer die Zukunft. Und die ist schwer vorherzusagen. Niemand würde sagen, es sei eine diffuse Angst, die uns antreibt, uns im Auto anzuschnallen. Aber die Gefahr eines Unfalls ist statistisch gesehen ja denkbar klein.

Mit dem Einsatz des Begriffs «diffus» positionieren sich Journalisten politisch. Sie suggerieren, dass eine bestimmte Angst keinen wirklichen Hintergrund hat, dass sie gewissermassen aus einer Paranoia heraus entsteht. Die Botschaft ist vor allem im Kontext meist recht klar: Ernstnehmen muss man Leute mit solchen Ängsten nicht, und eigentlich liegt das Problem nur darin, dass sie zu wenig wissen und Populisten auf den Leim gehen.

Vielleicht aber sind gewisse Ängste auch einfach vom redaktionellen Elfenbeinturm aus nicht nachvollziehbar. Und die Journalisten haben möglicherweise nur eine verschwommene Wahrnehmung der täglichen Realität der breiten Bevölkerung. Eine diffuse Wahrnehmung.

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Stefan Millius ist Chefredaktor der Onlinezeitung «Die Ostschweiz».

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Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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