07.06.2012
Roger Schawinski
Für die meisten ist Journalismus mehr als ein Beruf. Es ist Passion. Und deshalb ist die Pensionierung für viele nicht die lange ersehnte Erlösung. Sie wird im Gegenteil als aufgezwungener Entzug empfunden. Doch das war früher. Denn heute gibt es Internet. Und dorthin treibt es immer mehr dieser Ausgemusterten. So ist die Zahl der Blogs stark angestiegen, in den sie weiterhin ihre Beiträge einbringen – und die sind eine echte Bereicherung. Denn diese erfahrenen Journalisten, die ohne den in den Redaktionen heute üblichen Zeitdruck ans Werk gehen können, liefern teilweise eine Qualität, die man selbst in den profiliertesten Printmedien des Landes nur noch ausnahmsweise findet.
Im
journal21.ch etwa haben sich viele der ehemals renommiertesten Schreiber des Landes zusammengefunden. Sie bieten ein breites Themenspektrum an, bei dem sich immer wieder echte Trouvaillen finden. Ähnliches gilt für
infosperber.ch. Dabei ist allerdings die Kehrseite der Medaille oft nicht ganz zu übersehen: Die Freiheiten des Mediums Internet werden manchmal zur persönlichen Profilierung benutzt, unter anderem durch ausufernde Umfänge, weil anders als im Print die entsprechende Disziplin nicht notwendig ist.
Auch aktive Journalisten mischen mit. So publiziert Lukas Hässig mit
insideparadeplatz. Auch im Alleingang einen Wirtschaftsblog, der mit einer täglichen, möglichst gepfefferten Story um Aufmerksamkeit buhlt. Das soll ihm die erforderliche Aufmerksamkeit und in der Folge auch die notwendigen Werbeeinnahmen bringen. Er weiss, dass er den mehrjährigen Vorsprung der Konkurrenz etwa des viel breiter abgestützten
finews.ch nur auf diese Weise aufholen kann. Daneben aber schreibt er weiterhin für
Sonntag und
Handelszeitung, also in traditionellen Medien, die durch die oft forscheren Online-Artikel tendenziell immer stärker in Bedrängnis geraten. Constantin Seibt mit beispiellos viel Platz im
Tages-Anzeiger hat nun zusätzlich seinen
eigenen Blog, in dem er das Geschäftsmodell und das journalistische Verständnis der Tageszeitungen in Frage stellt. Damit etabliert sich das Netz immer mehr zu jenem Ort, an dem die heissen und unbequemen Storys Platz finden. Der bisher weitgehend fehlende wirtschaftliche Erfolg der Blogs hat zusätzlich den Vorteil, dass die Abhängigkeiten von Inserenten und Sponsoren noch nicht so erdrückend sind wie in vielen der etablierten Verlage, was viele angriffige Storys erst möglich macht.
Fazit: Alles ist gut – oder zumindest fast. Die früher brachliegenden Ressourcen älterer Journalisten werden genutzt. Diese können sich weiterhin in ihrem Fachgebiet einbringen, ohne dass sie sich blinde Eitelkeit oder die Unfähigkeit aufzuhören, vorwerfen lassen müssen. Dank den Blogs wird in vielen Bereichen Transparenz geschaffen, die in einer im Print immer stärker konzentrierten Medienlandschaft fehlen würde. Die aktiven Journalisten erhalten durch Blogs einen Freiraum, den sie sonst nicht hätten. Anderseits werden die Macher in den traditionellen Medien gefordert, noch besser und schneller zu arbeiten, um vom neuen Medium nicht vollständig in die Ecke gestellt zu werden. Und da die kommerziellen Absichten bei diesen Blogs zwar vorhanden, aber anders als bei den Verlagshäusern nicht allein entscheidend sind, weil das berufliche Engagement und die Lust am Schreiben vieles überstrahlt, entstehen erstaunliche Dinge, an die früher niemand auch nur zu denken wagte. Und damit ermöglicht das Netz neue journalistische Höhenflüge, die wir applaudieren sollten.
BLOG
: Der Journalismus auf neuem Höhenflug