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Der Preis der Wahrheit

«Die Konsumenten müssen entlastet werden», sagt SVP-Vizepräsident Thomas Matter. Aktuell 135 Franken weniger pro Jahr für Radio und TV – das verspricht die Initiative «200 Franken sind genug». Das klingt gut. Wer würde da Nein sagen?

Ich sage Nein. Und ich erkläre, warum.

Ich äussere mich selten öffentlich über mein Abstimmungsverhalten. Bei dieser Vorlage mache ich eine Ausnahme. Nicht, weil ich ein Heavy User der SRG-Programme wäre, sondern weil das Argument der finanziellen Entlastung eine gefährliche Verkürzung ist. 135 Franken Ersparnis sind 37 Rappen pro Tag. Dafür bekommt man nicht einmal einen Schluck Kaffee. Was man dafür verliert, ist eine funktionierende Medieninfrastruktur für die gesamte Schweiz.

Eine Halbierung der Mittel bedeutet nicht eine Halbierung der Sendungen, sondern das Ende der heutigen SRG. 3000 Stellen müssten abgebaut werden – plus viele weitere bei externen Firmen –, Regionalstudios schliessen, und ganze Sprachregionen würden von der medialen Landkarte verschwinden. Niemand sagt: «Ich hatte noch nie einen Brand, also will ich nicht für die Feuerwehr zahlen.» Unabhängiger Journalismus funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Wir bezahlen für eine Infrastruktur, damit sie im Notfall für alle da ist – bei Abstimmungen, in Krisen, wenn Fakten zählen. Die Frage ist nicht, ob man selbst SRF schaut. Die Frage ist, ob wir als Gesellschaft noch Zugang zu verlässlicher Information haben, wenn es darauf ankommt.

Machen wir uns nichts vor: Algorithmen kennen keine Solidarität. Sie servieren uns, was Klicks bringt, während Minderheiten im Feed versinken. Netflix erklärt keine Schweizer Abstimmungsvorlagen. Und wer glaubt, die Privaten könnten das einfach alles auffangen, irrt sich. Journalismus in Randregionen oder für Minderheiten ist teuer und rechnet sich oft nicht. Ohne den Rückhalt durch Gebührengelder – die übrigens auch an viele private Lokalstationen fliessen – riskieren wir, dass es dort künftig einfach still wird.

Ich stimme Nein. Weil Demokratie Infrastruktur braucht und 135 Franken kein Argument sind, wenn der nationale Zusammenhalt auf dem Spiel steht. Und vor allem: Weil ohne starke öffentliche Medien nur noch die lautesten Schreihälse definieren, wie die Wahrheit aussehen soll.



Christian Beck ist Redaktionsleiter von persoenlich.com.

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KOMMENTARE

Jost Wirz
24.01.2026 16:17 Uhr
Gut geschriebener Blog-Beitrag. Ich gratuliere! Wir alle zahlen für Dinge, die wir nicht nutzen. Das nennt sich Solidarität.
Walter Matzinger
24.01.2026 00:03 Uhr
Antwort an Samantha Loew, Fairness ist gut aber ob es in der Sache fair ist, das Ja mit der spanischen Putzfrau zu begründen bezweifle ich. Wieso: Wie viele alleinstehende Putzfrauen ohne Kenntnis der drei Landessprachen gibt es?.Zweitens wird vorgetäuscht es fehlten Ihr in drei Jahren 1000.00 Franken. Das ist schlicht falsch. denn sie würde nur um ca. Fr. 400.00 entlastet. Sofern solche sehr häufige Fälle. gibt ist nicht die Halbierungs- Initiative die Lösung sondern, sondern eine entsprechende Gesetzesänderung, die hierfür eine Ausnahme stipuliert. Und mit der Anpassung der Gebühr in 3 Jahren muss die SRG ja effizienter werden.
Heinz Renner
23.01.2026 16:05 Uhr
Ich stimme nein. ohne wenn und aber. Und ich schlage vor, dass wir unsere spanischen und weltweiten Haushalt- sowie Reinigungshilfen leistungsgerecht und menschenwürdig bezahlen, damit keine von ihnen wegen der Fernsehgebühren Hunger erleiden muss, wie dies von Samantha Loew befürchtet wird.
Jüre Lehmann
23.01.2026 15:49 Uhr
Gut geschrieben! Vielen Dank!
Samantha Loew
23.01.2026 15:01 Uhr
Ich stimme Ja. Für mich ist es eine Frage der Fairness. Die verwitwete spanische Putzfrau, die allein lebt, bezahlt jährlich 335 Franken für ein Angebot, das sie mangels Sprachkenntnissen und mangels Interesse nie nutzt. Nach drei Jahren fehlen ihr rund 1000 Franken im Haushaltsbudget. Dieses Geld braucht sie dringender für Miete, Krankenkasse und den Alltag als für ein Programm, das an ihr vorbeigeht. Die SRG darf Effizienz erwarten lassen. Sie muss ihre Mittel disziplinierter einsetzen, Prioritäten setzen und sich auf ihren Kernauftrag konzentrieren. Unterhaltungsexpeditionen nach Los Angeles und ein Lohnniveau, das sich von der Lebensrealität der Gebührenzahler entfernt hat, senden das falsche Signal. Die SRG muss Mass halten.
Ursula Trunz
23.01.2026 12:05 Uhr
Je nach Berechnungsgrundlage werden aus den 37 Rappen gerade noch 28. Dass ich aber meinen Dialekt nicht mehr täglich auf Radio SRF1 hören würde, wiegt definitiv schwerer.
Nik Kühne
23.01.2026 10:19 Uhr
Dabei sind es ja nicht mal 135 Franken. Ab 2029 sinkt die Mediengebühr eh auf 300 Franken pro Jahr.
Eva Meier
23.01.2026 09:06 Uhr
Cui bono?
Milena Kunz
23.01.2026 08:41 Uhr
Auf den Punkt gebracht. Danke!
Ivan Madeo
23.01.2026 07:57 Uhr
Absolut richtig, Christian Beck. Danke, merci, grazie, grazia fitg.
Ueli Custer
23.01.2026 06:36 Uhr
Genau so ist es! Danke Christian Beck.