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Der Spot ist emotionsfrei, kalt und unkreativ

Frank Bodin

Lieber David

Ich will nicht Bundesrat sein. Ich versuche gerade trotz Corona ein guter Familienvater, ADC-Präsident und Geschäftspartner zu bleiben; ich vermisse vor allem Menschen und fühle mich oft alleine, aber ich ziehe das Emeritentum inkl. Tracing-App durch.

Auch meine jüngste Tochter (10) will nicht Bundesrat sein. Sie möchte Astrophysikerin oder Sängerin werden und verzichtet auf viele ihrer Band-Proben am Mittwochnachmittag, weil ihre Grossmutter derzeit hier ist.

Ein Musikerkollege will ebenfalls nicht Bundesrat spielen, sondern möchte gesund wieder auf der Bühne stehen können.

Ein befreundeter CEO eines Grossunternehmens will nie und nimmer Bundesrat sein, sondern versucht aus seinem Homeoffice das Unternehmen so gut wie möglich auf Kurs zu halten.

Ein Arzt in meinem Bekanntenkreis ist schon gar kein Bundesrat, sondern ein Held, der seit Monaten bis zum Anschlag arbeitet und zeitweise im Hotel schlief, um seine Familie nicht zu gefährden.

Meine 28-jährige Tochter will auch nicht Bundesrat sein, sondern in der Luft; ihren Traumjob als Flugbegleiterin hat sie wegen Corona verloren, nicht aber ihre Zuversicht und Disziplin, sich an die Hygiene- und Verhaltensregeln zu halten.

Das sind nur sechs von 8 Millionen Geschichten in der Schweiz. Da fliessen Tränen, da macht man sich Mut, da wird geflucht, da wird geliebt, da wird improvisiert.

Gute Kommunikation ist Information plus Emotion: Kopf und Herz. Euer Spot (siehe unten) ist nur Information, die schulmeisterlich in Münder gelegt wird, emotionsfrei, kalt, unkreativ. Bevormundung ist das dominierende Gefühl, das Gegenteil von Selbstverantwortung und Gemeinsinn.

Zum «Totschlagargument» Strategie, das du nicht diskutieren kannst, wie du im persoenlich.com-Interview vom 11. November ausgeführt hast: Ich hätte in meinem Tweet auch «einfallslos» statt «strategielos» schreiben können. Aber Strategie macht nur Sinn, wenn sie zu frischen, überraschenden Ergebnissen führt wie zum Beispiel der jüngste Spot aus Deutschland «Zusammen gegen Corona».

Die spontane Reaktion meiner 10-jährigen zu diesem Spot darf ich dir keinesfalls vorenthalten. O-Ton: «Endlich versteht mich jemand.»

Ich schätze dich trotzdem, David, und das BAG, das über viele Jahre einer meiner liebsten Kunden war, und ich respektiere nach wie vor deren Arbeit und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; aber gerade bei Dingen, die einem am Herzen liegen, sollte Kritik drin liegen.

Kreative Grüsse

Frank





Frank Bodin ist Gründer und Inhaber der Agentur Bodin Consulting und Präsident des Art Directors Club (ADC) Switzerland.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
 

 

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Kommentare

  • Riccarda Mecklenburg, 18.11.2020 00:27 Uhr
    Lieber Frank Das Video «Zusammen gegen Corona» hat mir sofort gefallen. Grossartiges Kino. Perfekt auf die Zielgruppe abgestimmt. Augenzwinkern und Humor. Alles dran. Aber wenn du die sozialen Medien und ZEITonline anschaust, durchlebt gerade die Bundesrepublik eine verschärfte Form von Empörung, Schnappatmung und Befindlichkeitsexegese. Wie kann die Regierung es wagen, so einen Spot zu drehen, statt sich bei der Bevölkerung zu bedanken, weil sie solche Opfer erbringt. Wie kann der Staat es wagen mit kriegsverherrlichendem Jargon sich über die armen Studenten lustig zu machen. Es ist zum Heulen. Glücklicherweise fanden meine Jungs 17 und 20, das Video toll. Aber wahrscheinlich wäre der BAG Spot genau das, was sich diese kollektiv Erregten gewünscht hätten.
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