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Die Branchensituation ist düster

Marion Moussadek

Das Ergebnis vorneweg: Während im Vergleichsjahr 1939 noch 406 gedruckte Zeitungen gezählt wurden, hat sich deren Zahl bis heute auf weniger als 200 verringert. Weil Werbeeinnahmen, Abonnemente und Einzelverläufe im Printbereich zulasten des Onlinebereichs wegbrechen, greifen die Verleger zum Mittel der Restrukturierung und des Personalabbaus. Auf diese Weise werden sowohl die Redaktionen als auch die gedruckte Presse insgesamt ausgeblutet.

Auf nationaler Ebene

Trotz einem in der schweizerischen Medienlandschaft beispiellosen Streik wird die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) im Eilzugstempo zu einer Multimedia-Agentur umgebaut. Die im Herbst 2017 angekündigte Fusion mit der Zürcher Fotoagentur Keystone, die sich ihrerseits zur Hälfte im Besitz der SDA und zur Hälfte im Besitz der Austria Presse Agentur (APA) befunden hatte, trat im Januar 2018 in Kraft. Vor der Fusion waren die Hauptaktionäre der SDA die Tamedia AG (29,4 Prozent), die NZZ-Gruppe (11,4 Prozent) und die SRG/SSR (10 Prozent). Nach der Fusion hält die APA rund 30 Prozent des Kapitals der neuen Gesellschaft.

Der Preis für die Umstrukturierung ist die Eliminierung von 36 der 150 Stellen in der Redaktion. Weitere neun Stellen ausserhalb der Redaktion, insbesondere im Marketing und im Vertrieb, sollen gemäss Ankündigung im Sommer 2019 gestrichen werden. Am Beispiel der SDA lässt sich zeigen, wie sich die Verkleinerung einer Redaktion direkt in der Ausdünnung von Inhalten niederschlägt: Heute verfügt die SDA über keinen Wirtschafteil mehr, und die Rubriken Schweiz und Internationales wurden zusammengelegt.

In der deutschsprachigen Schweiz

Im Jahr 2018 schlossen sich die AZ Medien, nachdem sie einen Verlust von 2,2 Millionen Franken verbuchen mussten, und die NZZ-Gruppe zur neuen Gruppe CH Media zusammen. Die Synergien sind offensichtlich: zu den historischen Titeln der AZ Medien, der «Aargauer Zeitung», dem «Oltner Tagblatt», der «Basellandschaftliche Zeitung» und der «Limmattaler Zeitung», gesellen sich neu die «Luzerner Zeitung» und das «St. Galler Tagblatt» von der NZZ-Gruppe hinzu, wobei letztere weiterhin ihr Flaggschiff, die NZZ mitsamt «NZZ am Sonntag», «NZZ Folio» und «NZZ Libro», behält. Umgekehrt verbleibt «Watson» bei den AZ Medien. Die Radio- und Fernsehstationen beider Unternehmen, also Radio 24, Radio Argovia und S1 TV, bleiben gegen aussen selbständige Marken.

Auch dieser Zusammenschluss führt indes zu einer weiteren Verarmung der Medienlandschaft. Wenige Monate nach Bekanntgabe der Gründung von CH Media werden die «Zentralschweiz am Sonntag» und das E-Paper «Ostschweiz am Sonntag» eingestellt, womit die Sonntagspresse weiter ausgedünnt wird. Die Samstagsausgaben werden neu unter dem Titel «Schweiz am Wochenende» veröffentlicht. In einer ersten Runde sind zunächst rund zehn Vollzeitstellen abgebaut worden. Die CH-Media-Gruppe, die rund 2200 Mitarbeitende beschäftigt und in der Deutschschweiz eine Leserschaft von fast zwei Millionen erreicht, hat jedoch bereits bekannt gegeben, in den nächsten zwei Jahren weitere 200 Vollzeitstellen abbauen zu wollen. Die erwarteten Einsparungen liegen in der Grössenordnung von 45 Millionen Franken.

In der Westschweiz

Auch in der Westschweiz sind die Worte «Fusion» und «Abbau» en vogue. Der Umbruch in der Neuenburger Medienlandschaft ist historisch. Am 23. Januar 2018 wurden die Tageszeitungen «L'Impartial» und «L'Express» – letztere eine Nachfolgepublikation der «Feuille d'Avis de Neuchâtel» und mithin der ältesten französischsprachigen Zeitung der Welt – zum neuen Titel «ArcInfo» fusioniert. Innerhalb der gleichen Gruppe, Hersant beziehungsweise ESH Médias für die Schweizer Aktivitäten des französischen Verlages, wird die Tageszeitung «La Côte» reorganisiert und zwei von 19 Mitarbeitenden werden entlassen.

Bei Tamedia ist die im August 2017 angekündigte Fusion der Redaktionen von «20 minutes» und «Le Matin» im Januar 2018 umgesetzt worden. In einer ersten Runde werden zunächst sechs Mitarbeitende entlassen. Allerdings kennen wir die triste Fortsetzung: die am 8. Juni angekündigte Abschaffung der Papierausgabe vom «Le Matin», gelesen von immerhin 218’000 Romands, wird am 23. Juli Tatsache. «Der Ruf nach einer Rentabilität von 15 Prozent wird als Kriegserklärung aufgefasst», erklärt der Leiter des historischen Titels, Thierry Brandt. Das Ergebnis: insgesamt 36 Entlassungen, davon 22 in der Redaktion des «Le Matin».

Der Verlag, der in Europa 3400 Mitarbeiter beschäftigt, davon rund 800 in der Westschweiz, hat drei von den Mitarbeitenden formulierte Alternativen vom Tisch gewischt, darunter die eines Rückkaufs. Tamedia, deren Gewinn um 30 Prozent auf 170 Millionen Franken gestiegen ist, wiederholt jedoch weiterhin bemerkenswerte Zahlen: «Le Matin» hat 34 Millionen Franken in zehn Jahren und sechs Millionen Franken allein im Jahr 2017 verloren. Darüber hinaus sank die Leserschaft von 2015 bis 2018 um 26,3 Prozent. Wenige Monate nach dem Ende von «L'Hebdo» stirbt mit «Le Matin» ein weiteres Stück Populärkultur in der Westschweiz.

Druck und Verwaltung

Nach Angaben des Bundesamts für Statistik sind in den letzten 20 Jahren die Hälfte der Druckereien geschlossen worden. Der drastische Rückgang des Einzelverkaufs wirkt sich unmittelbar auf Druckereien und Werbeagenturen und die jeweiligen Mitarbeitenden aus. Die wirtschaftlichen Probleme der Medienbranche kristallisieren sich bei den Druckereien und den Werbeagenturen besonders heraus.

So musste Publicitas im Frühjahr 2018 Konkurs anmelden. Wenige Monate zuvor hatte die Druckerei Saint-Paul erklärt, dass sie in Freiburg eine umfassende Umstrukturierung vornehmen müsse. Ein Drittel der Belegschaft müsse abgebaut werden. Im Januar 2018 wurden die Druckereien in Fribourg, Bulle und Estavayer-le-lac mit der Agentur «media f» in eine neue Struktur integriert.

Drei Druckzentren teilen sich nun den Schweizer Pressekuchen. Tamedia und ihre Standorte in Bern, Zürich und Lausanne, die nun sogar die Titel ihres Konkurrenten Ringier mit der NZZ, «Le Temps» und «Blick» drucken. Ringier hat zwar den Druckstandort Luzern in Adligenswil, der 172 Mitarbeitende beschäftigte, geschlossen, hält aber Swissprinters (ein Joint Venture mit der NZZ Mediengruppe) am Standort Zofingen im Portfolio. Der dritte Akteur, ESH, hat seinerseits 20 Millionen Franken in die Errichtung eines neuen Druckzentrums in Monthey investiert, um seine Unabhängigkeit bewahren zu können. Der Generaldirektor von ESH Médias, Stéphane Estival, hat der Presse erklärt: «Was würden wir tun, wenn Tamedia beschliessen würde, ihr Zentrum in der Westschweiz zu schliessen? Hätten wir nicht in Monthey gebaut, wären wir zu 100 Prozent von einem anderen Druckzentrum abhängig geworden, ohne jegliche Kontrolle über unsere Industriepolitik.»

Eine gescheiterte Transaktion, die zum Konkurs einer Druckerei geführt hat, ist zum Symbol für den Engpass geworden, der heute in der Druckereibranche herrscht. Die Berner Mediencentrum AG hat in Basel eine Druckerei für mehrere Millionen Franken errichtet und dabei auf die «Basler Zeitung» als Hauptkundin gesetzt. Diese wurde in der Folge jedoch an Christoph Blocher verkauft.

Ein weiterer bezeichnender Indikator ist das Papier, das knapp und teurer wird. Im Jahr 2000 verbrauchte die Schweiz 330'000 Tonnen Zeitungsdruckpapier, dies gegenüber 170'000 Tonnen heute.

Medienqualität

Die zunehmende Konzentration bestehender Titel und der Druckereien, von denen sie abhängen, spiegelt sich in der Qualität der Schweizer Medien wider, wie die im September 2018 veröffentlichte Studie des Stiftervereins Medienqualität Schweiz zeigt. Die Analyse von 50 Nachrichtenmedien zeigt «eine Verschlechterung der Qualität der Medienberichterstattung» im Allgemeinen. 15 der 50 analysierten Titel verzeichnen einen Qualitätsverlust. Ausschlaggebend sind laut Medienrating «ein weniger ausgewogener thematischer Fokus und eine Reduzierung der Hintergrundartikel».

Anzumerken ist, dass im Medienrating einige Titel als zu wenig überregional angesehen wurden, um analysiert zu werden. Dies ist zum Beispiel bei den Zeitungen «Tribune de Genève», «La Liberté» oder den jurassischen Zeitungen der Fall.

Gerichtsverfahren

Um dieses düstere Bild der Branchensituation in der Schweiz zu vervollständigen, wird darauf hingewiesen, dass 2018 mehrere Angriffe auf Medienschaffende und Verlage stattgefunden haben, die den unbestreitbaren Druck insbesondere auf investigative Journalistinnen und Journalisten weiter erhöht haben.

Wir erleben eine nie dagewesene Flut von Gerichtsverfahren durch Amtspersonen gegen Medientitel und Redaktionen: eine superprovisorische Massnahme gegen die Veröffentlichung eines Buches über Frau Jacqueline de Quattro; eine gerichtliche Klage gegen den Herausgeber des «Tages-Anzeigers» und einen Journalisten, mit der Staatsrat Pierre Maudet wegen eines missliebigen Artikels eine Gegendarstellung gefordert hat; die Beschwerde von Staatsrat Pascal Broulis gegen den «Tages-Anzeiger» wegen angeblicher Persönlichkeitsrechtsverletzungen und gegen einen Journalisten wegen dessen Artikel über sein Finanzgebaren; ein von Christophe Darbellay gegen die «Weltwoche» angestrengtes Publikationsverbot und schliesslich die Beschwerde wegen angeblicher Persönlichkeitsrechtsverletzungen des im Kanton Waadt lebenden Milliardärs Frédérik Paulsen wegen Artikeln über Russlandreisen. Für die Zentralsekretär von Impressum, Dominique Diserens, ist «die Flut all dieser Gerichtsverfahren gegen die Medien eine Gefahr für die Pressefreiheit».

Auch in atmosphärischer Hinsicht ist die Situation alles andere als gut, und zwar weder unter den vielen Journalistinnen und Journalisten in den Redaktionen, die trotz allem unter dem Damoklesschwert weiterarbeiten, noch unter den Aushängeschildern der Branche. Dies beweist beispielsweise die Tatsache, dass Tamedia gleich zwei renommierte Westschweizer Journalisten, Sophie Roselli («Tribune de Genève») und Alexander Haederli, verloren hat und dass vier von fünf Chefredaktoren den Bettel hingeschmissen haben: Myrat Zaki, Thierry Meyer, Grégoire Nappey, und schliesslich Pierre Ruetschi, der sich entschieden gegen die Restrukturierungspolitik des Verlegers ausgesprochen und sich geweigert hat, die Namen von streikenden Journalisten zu nennen.



Marion Moussadek ist Journalistin und beim Berufsverband Impressum Mediensprecherin für die französische Schweiz.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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