Nichts Neues, leider. Die aktuellen Wemf-Zahlen zu den Printreichweiten zeigen ein nahezu überraschungsfreies Bild. Düster, düster. «Diese Titel büssen an Reichweite ein», titelte persoenlich.com und widmete sich den Verlierern. Das ist nicht nach dem Haar in der Suppe gesucht, schliesslich schwimmt da unübersehbar ein Haarbüschel drin.
Trotzdem sind die Daten nicht ganz überraschungsfrei und liefern nicht nur eine Kohlezeichnung. Es gibt auch Tageszeitungen mit Pfeil oder Pfeilchen nach oben. Gänzlich befangen nenne ich als Beispiel den Blick. Er hat laut Mach Basic 2025-2 im Vergleich zum Vorjahr um 5,3 Prozent zugelegt und damit 13’000 Leserinnen und Leser hinzugewonnen.
13’000 sind keine Massenbewegung. 13’000 sind aber eine Verblüffung, wenn man berücksichtigt, dass sie einer totgesagten Spezies angehören. Im Jahr 2025 werde man draussen im Blätterwald keine Eingeborenen mehr antreffen, so die Prognosen der Schwarzseher – und dann stösst die Expedition auf eine muntere Population von Menschen aus Fleisch und Blut mit Zeitungspapier in den Händen.
Im Leiden und Jammern der Medienbranche sind diese positiven Zahlen ein freudiger Zwischenruf. Nicht mehr, nicht weniger. Beim Blick haben wir uns, klar doch, sehr gefreut. Korken knallten keine. Wir wissen, wie die grosse Linie verläuft. Und wir wissen nicht, woran die derzeitige Aufwärtsbewegung wirklich liegt. Die Wemf liefert keine Interpretationshilfe und breitbeinig zu behaupten, wir seien halt einfach Siebensieche, verbietet der demütige Realismus.
Auf eine vage Spur hat mich Matthias Ackeret mit einer Aussage im persoenlich.com-Podcast gebracht. Die Reichweitenverluste der Zeitungen erklärt er unter anderem damit, dass die starken Online-Angebote das eigene Print-Geschäft kannibalisierten. Im knackigen O-Ton: «‹Der Feind› ist im eigenen Haus.»
Das mag dort zutreffen, wo Verlage ihre Print-Produkte möglichst kostenbefreit und lieblos mit Online-Inhalten abfüllen lassen. Gedrucktes Internet im teuren Jahresabo. Für Kundinnen und Kunden, die man nur noch wenig ernst nimmt. Es gibt aber auch eine andere Sicht- und Herangehensweise. Bei dieser ist das eigene Haus voller Freundinnen und Freunde.
Beim Blick macht ein einziger Newsroom, ich nenne es altmodisch lieber Redaktion, Geschichten für alle Kanäle (auch ein schreckliches Wort). Selbstverständlich ist Blick.ch das grosse Ding, selbstverständlich gilt für alle Kolleginnen und Kollegen Online first.
Der Punkt ist, dass sich Print davon nicht irre machen lässt. Dass er weiss, was er tut und für wen. Und was er anders machen muss. Das Credo für Print mit Daseinsberechtigung heisst: Online egal. Nichts ist so alt wie Online von gestern? Kommt drauf an, wie frisch die Zeitung von heute gemacht ist.
Was bei uns aus der gebündelten Kraft und Kreativität der Redaktion jeden Tag entsteht, ergibt Online ein hoch getaktetes, reichhaltiges Angebot für die Userinnen und User. Im Print jedoch ist das nicht bereits das Produkt, sondern vorerst das journalistische Füllhorn für die Zeitungsmacher. Dank der Freundinnen und Freunde im Haus und draussen im Feld können sie aus dem Vollen schöpfen.
Es ist ihre Aufgabe, so auszuwählen, zu gewichten, zu mischen, zu bearbeiten, wie es uns für die Ansprüche unserer Leserschaft richtig und attraktiv erscheint. Die besteht nicht aus Doofen, denen die Erfindung des Internets verschwiegen wurde. Das sind Leute von heute, die bewusst oder aus Gewohnheit etwas anderes wollen. Und da eine Geschichte in der Zeitung nicht um Klicks buhlen muss, sondern in der Beiz oder zu Hause schon ausgebreitet daliegt, erlauben wir uns auch gern etwas Verspieltheit. Man kann diese Vorgänge Verdichtung, Veredelung, hochtrabend Kuratieren nennen. Hauptsache, man macht es. Nicht als Strafaufgabe, aus Überzeugung und mit Hingabe.
Was dabei an Print-Eigenheit herauskommt, wird hartnäckig von mehr Menschen geschätzt als den Untergangslüstlingen vorstellbar ist. Das scheint mir als vorläufige Erkenntnis aus den Wemf-Zahlen zulässig zu sein. In hechelnden Zeiten hilft vertrauenswürdige Angebotsverknappung, die Übersicht zu behalten. Das Weniger wird zum Mehrwert.
Andreas Dietrich ist Chefredaktor Blick Print.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
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04.10.2025 07:39 Uhr



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Die Freunde im eigenen Haus