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Die Geister der «Republik»

Stefan Millius

Die «Republik» lässt Roger Köppel und Daniel Ryser, den Köppelbiografen, diskutieren. Das Mikrofon läuft mit, das Ergebnis ist ein ausführlicher Podcast. So stelle ich mir das noch junge Medium vor: Verschiedene Formen, spannende Inhalte, kontroverse Debatten. Ein Gewinn für die Medienlandschaft.

Und nun die zweite Ebene: Der Beitrag kann kommentiert werden von den bezahlenden Leserinnen und Lesern, die bei der «Republik» ja auch Verleger sind. Die grosse Mehrheit, das merke ich schnell, teilt meine Begeisterung nicht. Da heisst es beispielsweise, man dürfe «einem wie Köppel» keine weitere Plattform geben, mehr noch: Man dürfe ihn als Person gar nicht wahrnehmen. «Könnt ihr mir sagen, weshalb ich nun auch bei der ‹Republik› mit der Übelkeit Köppel in echt konfrontiert werde?», heisst es unter anderem.

Die Redaktion beteiligt sich wie gewohnt munter an der Leserdebatte. Wird sie gleich die Freiheit des Journalismus engagiert verteidigen? Nun, nicht wirklich. Die Reaktionen erfolgen in einem entschuldigenden Tonfall. Einer ihrer Journalisten schreibt, er habe sich auch gefragt, wieso man Köppel jetzt noch einmal eine Stimme gebe, aber «Populisten verlieren dann ihren Glitzer, wenn sie entmystifiziert werden». Abgesehen von der Wortkeule: Das alles klingt schon fast nach einer Rechtfertigung. Fehlt eigentlich nur der Hinweis, es bleibe ganz sicher bei dieser einzigen Ausnahme.

Nun stellen wir uns vor, ein Verleger bei Ringier oder Tamedia würde seiner Redaktion sagen, sie solle gefälligst bestimmte Personen mit bestimmten politischen Haltungen grundsätzlich totschweigen. Der Aufschrei wäre gross – bei der Redaktion und in der Öffentlichkeit. Die «Republik»-Verleger hingegen haben eine andere Vorstellung. Sie wünschen sich offenbar ein von gewissen Namen bereinigtes Medium. Und die Redaktion kriecht zu Kreuze, statt sich zu wehren.

Das alles ist kein Betriebsunfall. Es sind die Geister, die man selbst gerufen hat.

Die «Republik» ist ja bekanntlich angetreten, um den Journalismus zu retten. Und zwar vor der laufenden Medienkonzentration, dem damit verbundenen Abbau von Redaktionsstellen und von journalistischer Leistung. Und vor möglichen furchtbaren Entwicklungen in der Zukunft. Das ist nicht nur ihre Philosophie. Es ist auch ihr Geschäftsmodell.

In der Lancierungsphase des neuen Mediums habe ich für ein Magazin Daniel Meili interviewt, einen der grössten Investoren der «Republik». Auch er beschwor die künftige Verarmung des Journalismus, machte sie aber an einem Namen fest: Christoph Blocher. Dieser Name fiel im 15-minütigen Gespräch drei Mal, obwohl er nicht einmal das Thema war. Der Investor befürchtete, dass der Alt-Bundesrat noch mehr Zeitungen übernehmen und alles auf seine Linie trimmen würde. Dieser Entwicklung galt sein Kampf. Und sein Geld.

Mit anderen Worten: Am Anfang der «Republik» stand eine tief verwurzelte Angst vor dem Mann aus Herrliberg als Alleinherrscher über die Schweizer Medien. Da muss man doch etwas tun! Die «Republik» selbst hat das so nie deklariert, aber auch wenn ihr Geschäftskonstrukt Einflussnahme durch Investoren verhindern soll, ist anzunehmen: Einer, der Millionen einschiesst, muss zumindest das Gefühl erhalten, dass seine Ängste ernstgenommen werden. Und die Leser, diese Kleininvestoren, sehen es ja offenbar auch so. Und auch sie will man nicht verlieren. Da bezahlt man Geld – Millionen oder 240 Franken –, und die lassen den Köppel reden!

Wer sich als Medium heute dafür entschuldigt, einen «Rechten» zu interviewen, der verzichtet möglicherweise morgen ganz darauf. Und das ist dann «unabhängiger Journalismus»? Das ist die Frage, die ich mir stelle, bevor ich in wenigen Monaten wieder zur Kasse gebeten werde.



Stefan Millius ist Chefredaktor der Onlinezeitung «Die Ostschweiz».

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Robert Weingart, 09.10.2018 12:05 Uhr
    Toller Kommentar. So ist es: Ein unabhängiges Medium gibt allen eine Stimme, auch denen, die politisch nicht ins Bild passen wollen.
  • Christof Moser, 09.10.2018 12:11 Uhr
    Sie vermischen Äpfel mit Birnen, Herr Millius. Dass wir mit unseren Verlegern debattieren über Inhalte, ist selbstverständlich. Gerne nehmen wir auch kritische Rückmeldungen entgegen und jeder Journalistin, jedem Journalisten steht es frei, seine Haltung offen zu legen. Dass wir als Redaktion tun, was wir für richtig halten, ist davon nicht tangiert. Und was ist jetzt das Problem? Das Gespräch zwischen Köppel und Ryser, geführt von Urs Bruderer, war ein publizistischer Gewinn.
  • Stefan Millius, 09.10.2018 13:34 Uhr
    @Christof Moser: Ist zwar schräg, beim eigenen Artikel zu kommentieren, aber da ich direkt angesprochen wurde: Ich halte das Gespräch wie geschrieben ebenfalls für einen publizistischen Gewinn. Das Problem ist nicht, dass Eure Journalistinnen und Journalisten ihre Haltung offenlegen, sondern dass sie diese überhaupt haben. Die Haltung, die sich ausdrückt im Sinn von "Ja, sollte man eigentlich schon nicht machen, stimmt natürlich, aber jetzt haben wir eben doch mal..." Wenn Ihr morgen (oder nach der Finanzzäsur) auch noch tut, was Ihr wollt, ist das gut. Aber niemand ist völlig frei. Ihr seid nicht von Werbung abhängig, sondern von zahlenden Lesern. Und die sind offenbar unglücklich, wenn Ihr ein bisschen von ihrer Linie abweicht. Ich stelle nur die Frage: Merkt man das allenfalls früher oder später? Die offizielle Antwort kenne ich. Alles andere wird man sehen.
  • Christof Moser, 09.10.2018 14:22 Uhr
    Nun, Herr Millius, Sie haben die zustimmenden Wortmeldungen aus der Verlegerschaft schlicht ausgeblendet. Kann man machen, wenn man eine Kolumne schreiben muss und eine These braucht. Muss man aber nicht. Von daher nehme ich Ihre Kolumne zur Kenntnis und verbuche sie unter Geraune. Herzlich!
  • Stefan Millius, 09.10.2018 15:39 Uhr
    Das dürfen Sie gerne. Es ging aber nicht um eine Berechnung von Für und Wider, sondern um die Frage: Wie geht die Redaktion um mit Leuten, die Köppel am liebsten nie in der "Republik" sehen würden? Das war die Kernfrage. Und bezüglich Thesenjournalismus kann ich Ihrem Medium nichts vormachen, da verneige ich mich in Demut. Herzlich zurück!
  • Ueli Custer, 10.10.2018 08:56 Uhr
    Bei No Billag hatte ich das Heu – glaube ich – nicht auf der gleichen Bühne wie Stefan Millius. In diesem Fall stimme ich ihm aber zu 100% zu. Man muss auch Leute wie Roger Köppel zu Wort kommen lassen. Auch wenn ich persönlich Köppel nicht ausstehen kann, muss man sich mit ihm auseinandersetzen. Es geht nicht an, dass ein Medium die Welt in genehme und nicht genehme Leute unterteilt und nur die Genehmen zu Wort kommen lässt – ausser man sei ein Parteiorgan... Die Republik hat also richtig gehandelt und sollte dieses Grundprinzip ihren "Mitverlegern" auch vermitteln. Sich dafür zu entschuldigen geht gar nicht.
  • Dieter Widmer, 10.10.2018 10:09 Uhr
    Man könnte Ihnen, Stefan Millius, ohne Groll auch vorwerfen, Sie würden in eigener Sache die "Republik" aus Konkurrenzgründen schlechtschreiben. Sie haben ja kein Interesse, dass es ihr gut geht. Vermutlich haben Sie den Artikel von Daniel Ryser gar nicht gelesewn. Sonst müssten Sie Verständnis für die Entgegnungen der Verleger haben. Es war diese für die "Republik" unübliche Harmlosigkeit, wie Roger Köppel dargestellt wurde, die auch mich genervt hat. Das hat nichts damit zu tun, dass die "Republik" auch über Köppel schreiben darf/muss. Das Problem liegt beim eben auch von der "Republik"-Redaktion so gehätschelte Daniel Ryser kann sich offenbar alles erlauben. Dieser Text gehört nicht in die Spalten der "Republik". Wenn schon Köppel, dann eine kritische Würdigung seiner doppelzüngigen Arbeit.
  • Oliver Brunner, 10.10.2018 10:40 Uhr
    Ich lese viel über die "Republik" aber wenig von ihr, ist ja klar, ich bin kein Mitverleger. Was ich sagen will: Ausserhalb von Medienkreisen und der City von Zürich scheint die Online-Zeitung weniger ein Thema. Ein Mitverleger hat mir einmal gebeichtet, er möge die Artikel, aber zu nicht-tagesaktuellen Themen täglich vielseitige Artikel zu lesen, überfordere seinen Zeitplan. Er werde nicht mehr erneuern. Daher die Frage: Wie sieht es eigentlich finanziell aus? Der Kleinreport schreibt etwas von Millionen die bald fehlen, die Mehrheit der Grüner ist von Bord gegangen...
  • Ariel Hauptmeier, 10.10.2018 22:32 Uhr
    Lustig! Die Beichte erinnert mich an meinen Vater, der bis heute meint, einmal gekaufte Magazine von vorn bis hinten durchlesen zu müssen.
  • Dieter Widmer, 11.10.2018 00:51 Uhr
    Oliver Brunnere: Bevor Sie solche unsäglich falschen Behauptungewn in die Welt setzen, sollten Sie sich wirklich vorher informieren.
  • Stefan Millius, 11.10.2018 09:02 Uhr
    @ Dieter Widmer: Aus Transparenzgründen: Wir stehen nicht in Konkurrenz zur Republik. Die sind national, wir regional, sie leben von Leserabos, wir von Werbung. Es gibt keine Überschneidung bei Lesern und Märkten. Das wäre, wie wenn eine Banane in Konkurrenz zu einem Cervelat stünde. Daher habe ich keinerlei Interesse daran, der Republik Böses zu wollen, sonst hätte ich kaum den Jahresbeitrag gezahlt. Ich habe keinen "Artikel von Daniel Ryser" gelesen. Was Sie meinen, ist wohl das Podcast-Gespräch zwischen Ryser und Köppel. Das habe ich gehört. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass man da harmlos mit Köppel umging. Zu recht auch nicht. Aber er kam selbst zu Wort - und das war vielen offenbar schon zu viel.
  • Tek Berhe, 12.10.2018 05:17 Uhr
    Ich bin ein glücklicher Republikaner. Das Konzept passt mir immer nich. Auch wenn bestimmte Autoren ihre Weltanschauung vor dich hertragrn... Es gibt tolle Schreiber und Kolumnen, die man nicht missen möchte. Das Risiko Deutschland in den Köpfen einiger Journalisten als Leitkultur such in der Republik dominieren soll ist immer noch irritiert. Die Abo-Erneuerungs-Massnahmen sollten unverzüglich angegangen werden um Planungsicherheit zu haben. Ich bleibe an Bord!

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