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Die NZZ über «Papi-Zeit am Arbeitsmarkt»

Inken Rohweder von Trotha

Ich fand die NZZ immer toll. So toll, dass ich damals mein Studentenmagazin n/cc nannte. Andere Bedeutung, aber trotzdem Hommage. Ich glaubte an journalistische Ideale, aber störte mich an öden Layouts. So begann oder endete ich nach dem Studium in der Werbung. Da ist zwar auch nicht immer alles ideal, doch geht es meistens eher um Käse oder Flatrates und weniger um gesellschaftliche Entwicklungen. Man ist also auch nicht hands-on für den Niedergang selbiger Gesellschaft verantwortlich, wenn man das mit dem Käse einigermassen sozialverträglich hinbekommt. Nicht lügen, schöne Bilder und so weiter.

Nun bin ich also in der Werbung gelandet, und Hansueli Schöchli bei der NZZ. Der eine sieht seine Worte veröffentlicht in der Grande Dame unter den Schweizer Tageszeitungen – die andere bezieht Corona-Hilfe. «Sei wie Herr Schöchli», denke ich also, bis ich seinen Artikel «Was die Papi-Zeit am Arbeitsmarkt bewirkt» lese.

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Interessiert blicke ich über die mediokre Headline hinweg und will gerade zustimmend den ersten Satz abnicken, als meine schon Einiges gewohnten Augen den Verlauf des Artikels an meine Synapsen zu übertragen beginnen. Wo ist eigentlich Woody Allen, wenn man ihn braucht? Augen an Gehirn, bitte nicht Galle bersten lassen! 

«Es geht vor allem um Symbolik. Die Vorlage zur staatlichen Versicherung für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ist in sich selbst ein zu kleiner Schritt als dass man grosse Wirkungen erwarten könnte.» Das ist ja alles noch recht neutral bis auf das Wort «Vaterschaftsurlaub», aber das hat der Autor nicht zu verschulden. Dafür ist sicher ein von bösen Mächten gesteuerter Think-Tank verantwortlich oder eine Person in gehobener Position, der man die Worte «gesellschaftliche Verantwortung» nicht zu erklären vermag, weil nun ja …

So, lieber Vater, wie würdest du dich entscheiden? Für das 5-Sterne-Spital mit schreiender Frau und überall Blut oder entschliesst du dich für die Ferien daheim, dann aber ohne Mahlzeiten und Bettwäschen-Wechsel? Geniesst du dazu lieber an Meeresrauschen erinnerndes Babygeschrei oder kannst du besser bei dem exotischen Klang einer Milchpumpe entspannen? «Urlaub»? Don`t get me started!

In ihrem lesenswerten Buch «Politisches Framing» beschreibt die Autorin Elisabeth Wehling, wie sehr unser Handeln von sogenannten Frames bestimmt wird. Was wir lesen und wie wir das Gelesene deuten, bestimmt unser Handeln, zwingt es sozusagen in einen Rahmen.

Ein Beispiel: «In einer faszinieren Studie lasen Teilnehmer zunächst eine Liste von Worten, die entweder Taktgefühl oder Schroffheit implizierten. Danach legte man ihnen Bilder fremder Personen vor und bat darum deren Sozialverhalten einzuschätzen. Jene Probanden, die Begriffe gelesen hatten, die Freundlichkeit implizierten, schätzten die Personen als ausgesprochen nett und umgänglich ein. Jene aber, die Worte gelesen hatten, welche Unfreundlichkeit implizierten, schätzten dieselben Personen als rüde und unfreundlich ein. (…) Die abgebildeten Personen waren aber in beiden Fällen dieselben. Es waren also nicht äusserliche Merkmale, welche die Entscheidung der Probanden determinierten, sondern der jeweilige Frame, der vorher bei ihnen über Sprache aktiviert worden war.» 

Nun frage ich mich, welchen Frame die NZZ bei uns aktivieren möchte mit folgendem Satz:

«Sie (Anm. «die Vorlage») bringt nicht viel. Vor allem 2 Wochen bezahlte Ferien für Jungväter zulasten von Dritten, da es für Betroffene offenbar heutzutage unzumutbar ist, für die Geburt des eigenen Kindes einige Wochen Ferien zu investieren.»

An dieser Stelle möchte ich gerne kurz einen Schweige-Absatz einfügen.

Es ist schwer, sich der der manipulativen Wirkung des Satzes zu entziehen. Betroffene, die ihr nicht einmal Ferien nehmen könnt, wenn ihr schon Kinder haben müsst: Von mir kriegt ihr keine zwei Wochen geschenkt. Pff! Und schon bin ich reingefallen.

Achtung: Propaganda. Die NZZ druckt jetzt auch Stammtischflyer in einfacher Sprache. Könnte ja irgendwo deklariert werden, oder? So als Lese-Warnung …

Ach, wäre ich jetzt gern ein Algorithmus. Dann wäre ich nicht nur nicht betroffen – vom Artikel – sondern könnte anhand der Analyse weniger Worte, oder auch nur eines Wortes wie «heutzutage» Hansueli Schöchlis Alter ziemlich sicher auf 157 festnageln. Was den eigenen Nachwuchs betrifft, ist die «Betroffenheit» wohl schon so lang in Vergessenheit geraten, dass man die, die es heute betrifft, vielleicht nicht unterstützen mag. Wo, wenn schon nicht im Wirtschaftsteil der NZZ, darf ich Fakten vor Meinungen erwarten?

Während ich den Rest des Artikels auf der Suche nach Erhellendem überfliege, denke ich an meinen Deutschlehrer. Wäre das mein Aufsatz gewesen, hätte der schon soviel Rotstift beim ersten Absatz verwendet (tendenziös!!!), dass ich zwar mit Herzflattern ins Krankenhaus gekommen wäre, aber auch etwas gelernt hätte. Ich wäre mir meiner Verantwortung gegenüber dem Leser hoffentlich für immer bewusst geworden.

30 Jahre später möchte ich nur noch weinen. Wie so viele andere Mütter und Väter sehne ich mich nach Ideen und deren Implementierung zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es mag ja sein, dass es bei der Abstimmung am 27. nur um Symbolik geht, doch ohne Symbolik gab es doch auch noch nie die allerkleinste Revolution!

Was wir am 27. tun können, ausser nach bestem Wissen und Gewissen abzustimmen, ist:  danach erstmal das Ergebnis abzuwarten und Tee zu trinken. Dann hat zumindest das lokale Gastro-Gewerbe eine Zukunft, während am Bellevue ein paar Ideale des Journalismus zu Grabe getragen werden.



Inken Rohweder von Trotha ist selbstständig als Art & Creative Director. Sie hat das Michael & Helga Conrad Scholarship for Creative Leadership an der Berlin School gewonnen.

Die Autorin vertritt ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

 

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Kommentare

  • Rudolf Bolli, 02.09.2020 14:45 Uhr
    Ich hätte gerne bis zum Schluss durchgehalten, aber dann vermisste ich doch die Korfsche Lesebrille (bei Christian Morgenstern), deren Energieen den Text zusammenziehen.
  • Peter Eberhard, 02.09.2020 10:25 Uhr
    Was ist an dem von der Autorin kritisierten Satz von Schöchli "manipulativ"? Es ist ganz einfach eine Meinung zur berechtigten Frage, was Sache des Staates und was Privatangelegenheit sein soll, und dazu kann man unterschiedlicher Meinung sein. Und wenn sie Frau Wehling bemüht, sollte sie vielleicht noch das "Framing-Papier" lesen, das diese für die ARD verfasst hat. Da wird einem schwarz vor Augen.
  • Luise Mugrauer, 02.09.2020 09:50 Uhr
    Ein ganz herrlicher Blog-Beitrag. Also herrlich zu lesen. Der Grund für das Verfassen diesen Beitrags ist ja nur zum Weinen. Es lebe die Symbolik!
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