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: Die TV-Götter wanken

Gottschalk, Schmidt, Kerner, Pocher: Gleich vier der grössten TV-Stars im deutschen Fernsehen sind in den letzten Monaten brutal abgestürzt und ausgemustert worden. Dieses kollektive Versagen führt zu interessanten Erkenntnissen, wie das wichtigste Medium funktioniert – oder eben nicht. Erstens: Ob eine Sendung Erfolg hat oder nicht, ist von viel mehr Faktoren abhängig, als selbst die besten Fachleute meist annehmen. Denn sonst wäre etwa «Gottschalk Live» von den ARD-Gewaltigen und der Produktionsfirma Grundy Light nicht ohne Konzept, aber mit gewaltigem Getöse lanciert worden. Zweitens: Es reicht nicht, den grössten Entertainer des Landes für teures Geld an Land zu ziehen, wie viele TV-Bosse glauben. Es ist im Gegenteil ein äusserst gefährliches Unterfangen, wenn man eine Fernsehikone in ein von den Zuschauern ungewohntes Umfeld setzt. Falls aber gleichzeitig Sendeplatz, Sendekonzept und Sender gewechselt werden – wie dies bei Gottschalk der Fall war –, geht man so viele Risiken ein, dass wirklich alles stimmen muss, dass es funktionieren kann. Und das ist kaum je der Fall. Drittens: Sogar wenn man allein den Sender wechselt und das Konzept beibehält, kann das ins Auge gehen, wie das Beispiel von Johannes B. Kerner beweist, der über viele Jahre das Fernsehgesicht des ZDF war. Als er für sehr viel Kohle zu Sat.1 wechselte, folgten ihm nur wenige seiner Zuschauer. So wurde aus einer theoretischen Winwin-Situation eine praktische Lose-lose-Kalamität. Und Kerner, der beim ZDF pro Jahr locker 200 Sendungen wegmoderierte, steht nun ohne echte Perspektiven da. Zum ZDF kann er wohl nicht zurück, weil sein Abgang nicht ganz geräuschlos verlief. Bei der ARD ist kein Platz frei, ebensowenig bei RTL. Und damit ist sein Marktwert, den er über Jahre mit lukrativen Werbe- und Produktionsaufträgen in gigantische Höhen trieb, stark beschädigt worden. Viertens: Der Faktor Kontinuität wird in Deutschland falsch eingeschätzt. In den USA ist David Letterman mit seiner Late Night Show seit nunmehr dreissig Jahren beim selben Sender auf demselben Sendeplatz. Aber Deutschlands Late-Night-Lichtgestalt Harald Schmidt glaubte, dass er sich eine einjährige sogenannt «kreative Pause» nehmen könne, um dann dort anzusetzen, wo er bei seinem Abgang bei Sat.1 aufgehört hatte. Doch sein Comeback bei der ARD wurde zum Rohrkrepierer, und seine Rückkehr zu Sat.1, dem Sender, bei dem er Millionen verdient hatte und den er nach seinem Abgang als «Unterschichtenfernsehen» denunziert hatte, wurde zu einem wahren Trauerspiel. Die Zuschauer waren schlicht nicht mehr bereit, dieser letzten Volte zu folgen, obwohl Harald Schmidt zu alter Form auflief. Und damit scheint im deutschen Fernsehen das Kapitel Late Night wegen Missachtung der Kontinuitätsregel wohl definitiv erledigt. Fünftens: Es ist in einer immer vielfältigeren Bilderwelt sehr schwierig, ein neues Format zu etablieren. Nur wenn wirklich alle Ingredienzen stimmen, verhindert man einen Totalabsturz und eine schnelle Absetzung. Das hat auch Olli Pocher mit seiner Late Night bei Sat.1 erfahren,obwohl er als das grosse Talent gehandelt wurde, das dank seinem Witz und seiner Spontaneität zum Bannerträger der nächsten Generation werden sollte. Sechstens: Es sind zurzeit nicht die Paradiesvögel, die mit ihrer Persönlichkeit die Erfolge holen, sondern es sind die eher braven, fleissigen und pflegeleichten Moderatoren, an denen man sich nicht reibt und die deshalb auch keine bedeutenden positiven oder negativen Emotionen auslösen können. Es sind Leute, die alles wegmoderieren können, was ihnen angeboten wird. Das sind Markus Lanz, Jörg Pilawa, Kai Pflaume, Matthias Opdenhövel oder Günther Jauch. Die einzige usnahmeerscheinung ist Stefan Raab, der nicht nur dank seiner Originalität, sondern auch wegen seines totalen körperlichen Einsatzes gross punkten kann. Wird das Fernsehen durch diese Entwicklung besser? Ich glaube nicht. Es ehrt einen Thomas Gottschalk, dass er sich nicht auf seinem todsicheren «Wetten, dass …?»-Erfolg ausruhte, sondern sich in die von ihm selbst definierte «Todeszone» am Vorabend gewagt hat – und dies nachdem er zuvor mit anderen Formaten Schiffbruch erlitten hatte. So etwas würde ein Günther Jauch nie tun. Der wünschte sich lange eine politische Talkshow. Aber erst, als er den sichersten Programmplatz im ganzen deutschen Fernsehen überhaupt – in der ARD direkt nach dem «Tatort» mit seinen gegen zehn Millionen Zuschauern – ergattert hatte, machte er diesen Schritt. Dort wird er wohl noch viele Jahre sitzen, während die teilweise begabteren Kollegen weg vom Fenster sind, weil sie – teilweise aus Selbstüberschätzung – die wichtigsten Regeln des heutigen Fernsehens verletzt haben.
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