Alles ist im Fluss. Es finden zurzeit seismische Veränderungen statt, von denen nicht allein die Medienbranche erfasst wird. Zusätzlich zu den technologischen Veränderungen und dem Trend Richtung Digitalisierung und Roboterisierung ist Donald Trump auf den Plan getreten. Und damit werden die Spielregeln beinahe täglich handstreichartig geändert.
Erst vor Kurzem hat Springer-CEO Mathias Döpfner die Online-Gratisangebote von journalistischen Inhalten zum wiederholten Mal als epochalen Fehler gegeisselt. Und tatsächlich wuchs eine Generation von Menschen heran, die diesen Umstand als Normalfall kennt. Ihr wurden die Informationen mit immer leckereren Angeboten schmackhaft gemacht, nicht nur mit rund um die Uhr aufdatierten Aktualitäten, sondern auch mit Push-Meldungen, die die frühere Medienordnung völlig auf den Kopf stellten und so das Selbstverständnis der traditionellen Medien einer gewaltigen Herausforderung aussetzten.
Hinzu kamen zusätzliche Elemente, die diesen Trend verstärken. Einerseits weigerten sich viele gut ausgebildete junge Menschen aus ideologischen Gründen, für Informationen zu bezahlen. Für sie muss das Internet frei zugänglich sein und darf nicht durch Zugangsschranken kastriert werden. Und dann gibt es gerade in jüngster Zeit den von Rechtspopulisten benutzten Kampfruf gegen die «Lügenpresse», der die seriösen Medienorgane unter Generalverdacht stellt, um sich somit eleganter den eigenen Konspirationstheorien zuwenden zu können.
Doch nun hat Donald Trump mit seiner Dampfhammer-Rhetorik, seinen permanenten Lügen und seinen oft grotesken Tweets vieles in Gang gebracht. So hat er die «New York Times», die Zeitung, die er täglich liest und von der er am sehnlichsten gelobt werden möchte, seit Wochen nur noch als «the failing New York Times» bezeichnet, obwohl dort seit seinem Wahlsieg sowohl die Abozahlen für Online als auch für Print in die Höhe schiessen. So hat Zack Investment Research, die sich auf die Analyse wichtiger Firmen konzentriert, die Empfehlung für die «New York Times» von «sell» zu «hold» aufgewertet, obwohl die finanziellen Folgen des Trump-Booms in den bisher vorliegenden Firmendaten noch gar nicht vollständig abgebildet sind. Ähnliches erlebt CNN, das auf wundersame Weise zum seit Jahren führenden Rechtsaussen-Sender Fox News aufgeschlossen hat.
Wie ist all dies zu erklären, nachdem der von den Mainstream-Medien nicht vorhergesagte Trump-Wahlsieg zu einem ohrenbetäubenden Bashing geführt hatte? Tatsächlich haben die meisten Medien Entwicklungen in einigen Staaten übersehen. Dafür haben sie sich im Nachhinein entschuldigt. Aber dieser Fehler diskreditiert nicht ihre gesamte Berichterstattung, die viel weniger einseitig war, als es die Trump-Truppe darstellte.
Denn nach dem Wahlsieg und dem Amtsantritt dämmerte es weiten Kreisen, dass sie die nicht unfehlbaren, aber doch weitgehend seriösen Medien dringender brauchen denn je zuvor. Vor Kurzem hat sich unter Teilnahme einiger Prominenter die Bewegung #PressOn gebildet, die fordert, dass man erstmals für Informationen zu zahlen bereit sein soll, um auf diese Weise die Medien zu stärken. Donald Trumps Tiraden über «die unehrlichsten Menschen der Welt», über die Medien als «eigentliche Opposition» und die Aussagen seines Beraters Steve Bannon, dass die Medien eine Zeit lang schweigen sollten, um zuzuhören, verstärken also bei vielen aufgeklärten Menschen das Bedürfnis, seriöse Medien als vierte Gewalt aktiv zu unterstützen, um das Schlimmste zumindest sichtbar zu machen, wenn es schon nicht ganz zu verhindern ist.
Donald Trump ist also für viele Medien, die er für seine permanenten Verlautbarungen gezielt benutzt und gleichzeitig verdammt, zu einem tatkräftigen Helfer geworden. Schon während des Wahlkampfs meinte CBS-Chef Les Moonves, dass Trump schlecht sei für Amerika, aber gut für CBS. Doch dies ist eine fatale Sichtweise. Denn die Medien sollten den aktuellen Rückenwind für eine noch bessere, noch intensivere Arbeit nutzen und nicht mit der oft platten, quotentreibenden Trump-Faszination das eigene Fundament schwächen. Der Trump-Effekt ist daher ein politisch weitgehend unwillkommener, wirtschaftlich aber positiver «game changer» für die Mainstream-Medien, und es liegt jetzt an ihnen, dass sie daraus das Beste machen, damit nicht nur sie selbst, sondern das ganze Land profitieren wird.



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Roger Schawinski: Die unehrlichsten Menschen der Welt