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René Zeyer: Egon Ammann, du fehlst

Wer kommt auf die Idee, die Werke von Fjodor Dostojewski neu übersetzen zu lassen? Wer kommt auf die Idee, den portugiesischen Autor Fernando Pessoa den deutsche Lesern näherzubringen? Wer widmet sich dem Werk des russischen Lyrikers Ossip Mandelstam, der in einem stalinistischen Arbeitslager elend verreckte? Ein Mann, der Bücher liebte. Ein Verleger, wie es sie heute nicht mehr gibt. Egon Ammann halt.

Ein Buch ist zuerst ein Manuskript; hundert, zweihundert, manchmal mehr Seiten voller Buchstaben. Viele fühlen sich zum Schriftsteller berufen und wenden sich hoffnungsfroh an Verlage. Mit der festen Überzeugung, dass ihr Werk Leser verdient, bereichern kann, die Welt reicher macht. So stapeln sich die Berge bei denen, die dazu in der Lage sind zu beurteilen, ob das Ergebnis oft jahrelanger Mühen Leser verdient, Leser findet.

Auch ich gehörte zu den allzu vielen, die davon träumen, vom Schreiber zum Buchautor zu werden. Ich hatte einen Krimi geschrieben, in der Tradition, um es vollmundig auszudrücken, von Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Cornell Woolrich. Mit einem Privatdetektiv, der versucht, in einer schmutzigen Welt sauber zu bleiben. Sein Büro hat er in Miami, natürlich verschlägt es ihn auch nach Kuba. Weiter weg von einem literarischen Verlag in Zürich geht es wohl nicht.

Bis mich Egon Ammann anrief und sagte: «Mir gefällt Ihr Buch, das mache ich, Sie haben Ihren Verlag gefunden.» Es war mehr als das, es war ein Zuhause. Natürlich wurde «Schnee über Havanna» kein Erfolg, aber Egon Ammann schenkte mir das grösste Glück, das ein Autor haben kann: Jemand glaubt an ihn, lobt ihn, tröstet ihn, kümmert sich. Verlangt mehr, schnell wechselten wir zum Du, unvergessen seine Motivation: «Weisst Du, der Erstling ist meistens kein Erfolg, man muss einfach weiterschreiben, das kommt schon.»

Egon Ammann lebte Bücher, atmete Bücher, liebte Bücher. Bei ihm ging Kunst nie nach Brot, und welches verdientes Glück für ihn, dass er Mäzene hatte, die es ihm ermöglichten, seine Liebe zu leben. 2010 war dann Schluss mit dem Ammann-Verlag, einen Nachfolger konnte es nicht geben, denn es gibt keinen zweiten Egon Ammann; die letzten Jahre, die ihm blieben, lebte er in Berlin. Er war schon immer aus der Welt gefallen, ein Artefakt aus anderen Zeiten. E-Books, Amazon, ungefilterter «Content», der von jedem ins Internet gestellt wird, das war seine Sache nicht.

Wie so oft im Leben gab es viel zu wenige Begegnungen, viel zu oft «wir müssten mal wieder zusammensitzen». Unverzeihlich, und man merkt es immer erst dann, wenn jemand nicht mehr ist, der eigentlich unsterblich sein müsste. Mit diesem Verlust muss nun seine ewige Begleiterin und Frau Marie-Louise Flammersfeld fertig werden. Sie weiss, wie wir alle, die das grosse Privileg hatten, ihn kennen zu dürfen: Ach, du fehlst. «Was bleibet aber, stiften die Dichter», schrieb Friedrich Hölderin. Er vergass zu erwähnen, dass es dafür auch Verleger wie Egon Ammann braucht. Was bleibet aber, sind all die Werke, die dank ihm zu Büchern wurden. Und solange es noch Menschen gibt, die Bücher lesen, bleibt er auch in dieser Welt, und darin liegt der einzige Trost nach seinem Tod.

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