Kein Ort der Welt ist für Medienschaffende nur annähernd so gefährlich wie der Gazastreifen. Reporter ohne Grenzen (RSF) hat seit dem 7. Oktober 2023 rund 220 Journalistinnen und Journalisten gezählt, die von der israelischen Armee getötet wurden – 56 in Ausübung ihres Berufs, gekennzeichnet als Pressevertreter. Allein elf wurden im vergangenen Monat bei zwei israelischen Luftschlägen getötet.
Nach Völkerrecht wäre der Fall klar. Medienschaffende sind in bewaffneten Konflikten geschützt. Wer sie angreift oder tötet, begeht ein Kriegsverbrechen. Erlaubt wäre ein Angriff nur, wenn die Journalistinnen und Journalisten an den Kampfhandlungen teilnehmen.
Auf dieses Argument stützt sich die israelische Armee bei ihren Angriffen immer wieder. Reporter wie der am 10. August getötete Anas Al-Sharif hätten eine aktive Rolle in der Hamas innegehabt; im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis, das Israel Ende August angriff, habe sich eine Kamera der Terrororganisation befunden; die weiteren getöteten Medienschaffenden hätten nur antiisraelische Propaganda verbreitet.
Rechtfertigungen der israelischen Armee überzeugen nicht
Reporter ohne Grenzen hat viele der über 200 Tötungen rekonstruiert. Dabei überzeugte die Argumentation Israels nur in den allerwenigsten Fällen. Die besagte Kamera im Nasser-Krankenhaus wurde weder von der israelischen Armee genauer beschrieben noch am Tatort gefunden. Zur Liste der Hamas, auf der Anas Al-Sharif aufgetaucht war, sind keine Details bekannt. Und dass alle Medienschaffenden in Gaza parteiische oder falsche Informationen liefern, ist faktisch falsch.
Zweifellos ist die Situation der Medien im Gazastreifen seit Langem mit Problemen behaftet. Die Hamas unterdrückt kritische Berichte systematisch. Medienschaffende berichteten immer wieder von Bedrohungen und Risiken. Und im Zuge des 7. Oktobers tötete die Hamas zwei israelische Medienschaffende.
Wer aber pauschal davon ausgeht, aus Gaza kämen keine glaubwürdigen Informationen, irrt. Die Medienschaffenden vor Ort, die täglich Hunger und Tod ausgesetzt sind, riskieren viel oder alles. Mittels Satellitendaten, Bildmaterial in den Sozialen Medien sowie mithilfe der Arbeit internationaler Organisationen lassen sich viele Berichte aus Gaza verifizieren. Jegliche Berichterstattung aus Gaza als Hamas-Propaganda abzutun, dient nur dem Narrativ der israelischen Regierung.
Eine beispiellose Blockade
Diese Regierung lässt seit zwei Jahren keine ausländischen Medienschaffenden nach Gaza. Eine solche absolute Blockade eines Kriegsgebiets durch eine Kriegspartei sucht seinesgleichen. Israel möchte den Horror in Gaza – unter Inkaufnahme von Kriegsverbrechen – vor der Welt kaschieren.
Die Regierung argumentiert, es sei für ausländische Medienschaffende in Gaza schlicht zu gefährlich. Was sie dabei verschweigt: Die überwältigende Mehrheit der getöteten Journalistinnen und Journalisten sind Opfer der israelischen Kriegsführung.
Die Entscheidung, aus einem Kriegsgebiet zu berichten, darf nicht von einer Kriegspartei abhängen. Internationale Medien warten seit über 700 Tagen darauf, dass Israel sie nach Gaza lässt. Sie wollen – an der Seite der lokalen Medienschaffenden – über die Geschehnisse berichten können. Das müsste selbstverständlich sein.
Anstatt dies zuzulassen, lud Israel jüngst israelfreundliche Influencer und Youtuber in den Gazastreifen ein. Diese sollten in enger Absprache mit der Armee über die Geschehnisse vor Ort sowie über die Verteilung der Hilfsgüter berichten.
Das Argument, es sei für sie im Gazastreifen zu gefährlich, zählte für die israelische Armee hier nicht mehr.
Kritik an Israels Vorgehen, das darauf abzielt, das Narrativ über Gaza zu kontrollieren, ist weder antiisraelisch noch antisemitisch. Vielmehr ist solche Kritik bitter nötig. Sie gilt einzig und allein dem höchst umstrittenen Vorgehen der israelischen Armee und Regierung in Gaza.
Dieses Vorgehen zielt direkt auf den mutigen und unabhängigen Journalismus an sich. Das können wir nicht akzeptieren.
Valentin Rubin ist Policy & Advocacy Manager für RSF Schweiz.
Unsere Autorinnen und Autoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.



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Krieg in Gaza: Ein Angriff auf den Journalismus