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Ein bisschen Anstand

Min Li Marti

Der Ruf nach den guten alten Zeiten und die Klage vom Sittenzerfall widerstreben mir ja eigentlich, dafür fühle ich mich noch nicht alt genug. Doch manchmal scheint es schon so, dass bei Produktionsdruck, Zeitstress und Klick-Aufmerksamkeitsökonomie eine wichtige Tugend auf der Strecke bleibt: Der Anstand. Und das gilt sowohl für die Medien wie für die Politik. Dazu ein aktuelles Beispiel.*

Die Geschichte geht so: Eine neue Nationalrätin tut etwas, was ihr rechtlich zusteht und auch überparteilich abgesegnet ist. Sie schreibt ein Mail mit ihrer Spesenrechnung für die Teilnahme an einer Tagung. Dummerweise drückte sie auf den falschen Knopf und schickte das Mail an alle statt nur an die Parlamentsdienste. Worauf jemand – vermutlich ein Nationalrat oder eine Nationalrätin – dieses Mail an das Online-Portal nau.ch weiterleitete. Die Redaktion machte – obwohl die Nationalrätin nichts Falsches gemacht hatte – daraus eine Geschichte. Darin ging es allerdings vor allem generell um die Spesen von Nationalräten. Erwähnt – aber nicht namentlich – wird aber auch das Mail der besagten Nationalrätin.

Die anonyme Quelle ist damit offenbar nicht zufrieden. Schliesslich will sie ja nicht nur die Partei der Nationalrätin in die Pfanne hauen, sondern auch die Nationalrätin selbst. Sie steckt es also einem SVP-Kantonsrat, der das Mail auf Twitter veröffentlicht. Als Sonderservice gibt es noch die Telefonnummer und das Mail der Nationalrätin dazu. Das natürlich nur im aus Trasparenzgründen. Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, dass man etwa der Nationalrätin böse Mails schreibt oder sie mit Anrufen belästigt. Das wäre ja wirklich eine Unterstellung.

Der Tweet bemüssigt dann auch Blick Online, eine Geschichte zu machen mit der Nationalrätin. Diesmal geht es nur um sie, der Name ist erwähnt – und auch der SVP-Kantonsrat kriegt seine 15 Minuten Ruhm. Und dann gibt es auch noch einen Nachzug, weil spesengierige Nationalrätinnen, das interessiert halt den Leser.

Die Moral von der Geschichte: Offenbar sind journalistische Kriterien wie Relevanz nicht mehr so gefragt im Klick-Zeitalter. Ich hab mal gelernt, dass es keine Geschichte sei, wenn ein Hund einen Mann beisst. Umgekehrt aber schon. Und so scheint es mir, ist es auch keine Geschichte, wenn eine Nationalrätin korrekt abrechnet. Würde sie bescheissen, natürlich schon.

Noch zur Politik: Zu einer zivilisierten und demokratischen Gesellschaft gehört, dass man auch den politischen Gegner mit einem Mindestmass an Respekt begegnet. Das heisst, dass man ihm oder ihr nicht einen Online-Mob auf den Hals hetzt. Und es heisst auch, dass man nicht jemanden anschwärzt, der nichts Unrechtes getan hat. Wäre ja eigentlich einfach. Schade, ist es nicht so.   

P.S. Auf Namen und Links verzichte ich, damit ich nicht auch noch dazu beitrage, diese doofe Geschichte zu verbreiten.

* Den Blogbeitrag findet man auch als Twitter-Thread.



Min Li Marti ist Verlegerin der Wochenzeitung P.S. und Nationalrätin der SP.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

 

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Kommentare

  • Synes Ernst, 17.01.2020 10:39 Uhr
    Danke für diesen Beitrag!

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