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Ene, mene, muh

René Zeyer

Tamedia, Pardon TX, verfolgt die Irrungen und Wirrungen im Hause Credit Suisse aufmerksam. Abgetrocknet vom agilen Finanzblog «Inside Paradeplatz» und sogar von der NZZ in der Recherche links und rechts überholt, verlegt sich TX auf die Rolle eines Schiedsrichters.

So verkündete der Oberchefredaktor Arthur Rutishauser am 22. Dezember letzten Jahres: «Thiam gewinnt Machtkampf bei der Credit Suisse.» Klare Sache. Thiam bleibt, VR-Präsident Urs Rohner hat den Schwarzen Peter gezogen und geht. Spätestens im Frühling 2021, wenn seine Amtszeit abläuft. Thiam hingegen wird noch ein paar Jährchen bleiben.

Neues Jahr, neuer Abzählreim. Anfang Februar meldet Rutishauser unheilschwanger: «High Noon bei der Credit Suisse.» Hoppla, wer hat denn nun beim Duell den weissen, wer den schwarzen Hut auf? Das kann man inzwischen so oder so sehen, meint Rutishauser: «Einer von beiden wird wohl bald gehen müssen.» Offenbar der, der beim Geballer langsamer zieht.

Ist damit das Thema zur Beliebigkeit totgeschrieben? Keineswegs. Am 5. Februar prellt ein Wirtschaftsredaktor von TX vor und wagt den knackigen Titel: «Darum wird Thiam an der Macht bleiben». Also zumindest am Morgen um 6.38 Uhr war das noch so. Aber digitale Wahrheiten haben ja den Vorteil, dass man sie vermeintlich spurlos und rasch verändern kann.

So lautet der Titel ab 10.40 Uhr: «Thiam stürzt zu spät – oder gar nicht.» Nun könnte man annehmen, dass die Wirtschaftsredaktion des TX-Konzerns das Gras wachsen hört, das Ohr ständig am Newsticker hat, jede auch nur kleinste Veränderung in der Nachrichtenlage sofort mitstenographiert und dementsprechend anpasst und aktualisiert.

Das wäre eine mögliche Erklärung. Sie greift aber wohl zu kurz, denn der Artikel unter dem doch deutlich geänderten Titel – ist genau der gleiche geblieben. Offensichtlich ist TX finster entschlossen, eine neue journalistische Dialektik einzuführen. Man wird doch wohl noch mit dem gleichen Text erklären dürfen, wieso Thiam an der Macht bleibt. Diese kompetente Analyse und Prognose kann aber auch so gelesen werden, dass Thiam zu spät oder halt doch nicht stürzt. Wieso auch sich festlegen.

Schliesslich weiss auch TX, vormals Tamedia, vormals das Haus Tages-Anzeiger, dass das Blöde an Prognosen ist, dass sie eintreffen können – oder auch nicht. Schmerzlich musste das Oberchefredaktor Rutishauser schon im Fall Vincenz erfahren. Nachdem der ehemalige Raiffeisen-Starbanker tief gefallen war und in Untersuchungshaft schmorte, kündigte er eins ums andere Mal an, dass nun aber bald, gleich, sofort, nach Abschluss einiger letzter Untersuchungen, wohl noch vor Ende Jahr, spätestens im Frühling, spätestens im Herbst Anklage erhoben werde.

Das hat Rutishauser inzwischen, fast zwei Jahre nach der Inhaftierung, aufgegeben. Menschlich verständlich, dass er nicht das gleiche Schicksal nochmal erleiden möchte. Denn auch beim Trauerspiel in der Führungsetage der CS gibt es vor und wohl auch nach der nächsten Sitzung des Verwaltungsrats ziemlich genau vier Varianten.

Thiam geht und Rohner bleibt. Rohner geht und Thiam bleibt. Beide gehen. Beide bleiben. Daraus ergibt sich die einzig sichere Prognose: Eine dieser vier Möglichkeiten wird’s sein. Diese Prognose war richtig: Thiam geht, Rohner bleibt.

Wie auch immer das Trauerspiel um Thiam, Rohner und Khan ausgehen wird: Selten sind die Schweizer Medien dermassen instrumentalisiert worden wie hier. Die NZZ hat sich auf Thiam eingeschossen und fordert unverblümt dessen Rücktritt. Die NZZ am Sonntag will sogar wissen, dass das Zerwürfnis zwischen Thiam und Khan seinen Anfang nahm, als der CEO der CS angeblich belastendes Material über einen anderen Mitarbeiter von Khan anforderte. Beleg: die üblichen vertrauenserweckenden Quellen, die natürlich nicht genannt sein wollen.

TX ist inzwischen mehr oder minder auf die Seite Thiams eingeschwenkt. Neuerdings ist auch der VR-Präsident der CS wieder verstärkt ins Kreuzfeuer geraten. Man darf gespannt sein, wie sich gegenüber Urs Rohner die verbliebenen drei Medienhäuser positionieren werden. Die Weltwoche hat das bereits getan; wer die Angst vor dem schwarzen Mann schürt, also Thiam kritisiert, steht schon mal unter Rassismusverdacht. Schliesslich habe der Mann einen guten Job gemacht.

Aber wie meist, wenn sich die Weltwoche ins Zeug legt, kommt es dann anders heraus.


René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Arthur Meyer, 07.02.2020 14:16 Uhr
    Und die Konsequenz des grauslichen Spiels?: "Oberchefredaktor" Rutishauer bleibt - oder er geht...

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