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Erinnerungen an den Lawinenwinter 1999

Christian Beck

Das Schweizer Mittelland versinkt im Schnee – seit 2006 gab es nicht mehr so viel davon. Ich persönlich liebe solche Ausnahmesituationen. Das viele Weiss weckt Erinnerungen an meine Anfänge im Journalismus. 

Der Winter 1998/1999 war ausserordentlich: Drei Niederschlagsperioden brachten in den Schweizer Alpen im Zeitraum vom 27. Januar bis zum 25. Februar 1999 enorme Schneemengen. In 30 Tagen fielen am Alpennordhang verbreitet mehr als fünf Meter Schnee. 

An einer von drei Starkschneefallperioden – nämlich am 9. Februar 1999 – war ich als Reporter unterwegs, damals für das Höfner Volksblatt in Wollerau. Meine Erlebnisse hielt ich in ein paar Zeilen fest:

«Selten habe ich innert drei Stunden so viele Menschen kennengelernt wie am Dienstag, als es nicht mehr zu schneien aufhören wollte. Eigentlich hatten alle möglichst vermieden, nach draussen gehen zu müssen. Wer konnte, blieb im Büro oder im trauten Heim. Auch unsere Redaktion in Wollerau organisierte sich möglichst gut und ‹komprimierte› alle Termine auf wenige Stunden, sodass sich nur jemand ‹opfern› musste, nach draussen zu gehen. Nun, derjenige war schliesslich ich …

Auf den Strassen ging es dann recht gemächlich zu und her. Das Fahren auf den verschneiten Strassen bereitete mir zwar nur wenig Mühe – die Kenntnisse von drei Antischleuderkursen machten sich bezahlt. Doch gefeit ist man vor nichts. Spätestens dann nämlich, wenn das Fahrzeug nicht mehr fährt, sondern aus dem Stand ins Fahren gebracht werden sollte. Da ja am besagten Tag die wenigsten Parkplätze gänzlich von Schnee befreit waren – dieser meist sogar in Kniehöhe lag –, blieb nichts anderes übrig, als das Auto in grosse Schneehaufen zu parkieren.

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Spätestens beim Wegfahren stellte sich dann das eigentliche Problem – wer an diesem Tag auf der Strasse war, der kennt es. Die Räder wollten meist keinen Zentimeter vor oder zurück, das Auto liess sich nicht bewegen. Hilfe war gefragt. Und Hilfe war im Allgemeinen sehr schnell gefunden. ‹Könnten Sie mir schnell helfen, das Auto rauszuschieben?›, war an diesem Nachmittag meine meistgestellte Frage. Ich fragte, sie kamen, sie schoben … Innert kürzester Zeit waren drei bis vier starke Kräfte vereinigt, mein Auto war wieder in Bewegung … bis zum nächsten Parkieren.

Erstaunt war ich, als ich dann beim Gemeindehaus Dorf in Pfäffikon wiederum etwas Mühe hatte, in Fahrt zu kommen. Ich rutschte ein bisschen hin und her … und plötzlich fuhr ich. Der Grund: Hinter meinem Auto hatten sich spontan zwei oder drei Personen versammelt und halfen kräftig zu stossen – ohne dass ich sie gebeten hätte. So etwas nenne ich Hilfsbereitschaft. Das gemeinsame ‹Problem› Schnee liess die Menschen näherkommen. Alle sassen schliesslich im selben Boot.»

22 Jahre später frage ich mich: Ob die Hilfsbereitschaft heute auch noch so gross wäre? Das Coronavirus hat uns auf Distanz gebracht.

Dennoch: Soll es doch nochmals fünf Meter schneien. Ab Montag sind sowieso die meisten im Homeoffice.



Christian Beck ist Redaktor von persoenlich.com.

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