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Eurovision Song Contest: ESC 2025 – ein komplexes Lehrstück

Der Eurovision Song Contest – das sind schillernde Kostüme, schiefe Töne und schräge Songs, die man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Während auf der gigantischen Bühne das grosse Spektakel tobte, hiess es auch für die Krisenkommunikation hinter den Kulissen: It’s showtime.

Es war eine «Once-in-a-Lifetime Experience»: die Krisenkommunikation für den grössten Musikwettbewerb der Welt aufzubauen und in der Schweiz umzusetzen. Ein Megaevent mit über einer halben Million Besucherinnen und Besuchern während der Eventwoche, allein 43'000 Fans bei der grossen Finalshow und nochmals 160 Millionen Menschen, die weltweit vor den Bildschirmen mitfieberten. Eine «Bühne», auf der jede Abweichung vom Plan sofort unter die Lupe genommen wurde und auf der Fehler keine Chance haben durften. Die drei im Grundsatz gleichgestellten Organisatoren des ESC – die SRG, die European Broadcasting Union (EBU) und Gastgeber Basel – waren sich dessen sehr bewusst. Auf Basis der Erfahrungen aus den Vorjahren wurde entschieden, für den ESC 2025 erstmals eine eigenständige Krisenkommunikation aufzubauen. Das Mandat ging an Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten, verbunden mit einem klaren Auftrag: Schutz und Stärkung der Reputation im Ereignis- und Krisenfall ist unsere Mission.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, es kam zu verschiedenen heiklen Ereignissen mit Krisenpotenzial. Von politisch motivierten Protesten innerhalb und ausserhalb der Eventzonen über Cyberangriffe und Unfälle bis hin zu Pannen aller Art. Dank eines integrierten, vorausschauenden und agilen Kommunikationsansatzes konnten diese Ereignisse jeweils rasch unter Kontrolle gebracht und dadurch entschärft werden.

Das Konzept: ein integrierter Kommunikationsansatz

Die wichtigste Grundvoraussetzung für unseren Erfolg war die Bestätigung von allen drei Organisatoren, dass isolierte Kommunikationsstrukturen («Silos») im Krisenfall nicht funktionieren. Deshalb haben wir ein gemeinsames Team mit Kommunikationsexperten von der SRG, EBU und Gastgeber Basel gebildet. Dieser integrierte Ansatz ermöglichte nicht nur in der normalen Lage eine effiziente, wirkungsvolle Kommunikation unter der Koordination von ESC-Kommunikationschef Edi Estermann, sondern auch eine kohärente und schlagkräftige Kommunikation im Ereignisfall. Dank frühzeitig aufgebauten und eingespielten Strukturen und Prozessen zogen alle an einem Strang, nutzten Synergien und konnten so schnell und präzise agieren.

Die Vorbereitung: Intensives Stakeholder-Management

Der ESC gilt offiziell als neutral, doch politische Botschaften begleiten den Wettbewerb Jahr für Jahr. Wir wollten in Echtzeit auf politisch motivierte Handlungen eingehen können, ohne die Grundidee des ESC – Musik als verbindendes Element – aus den Augen zu verlieren. Das verlangte diplomatisches Geschick, Durchsetzungsfähigkeit im richtigen Moment und die Fähigkeit, Brücken zwischen den verschiedenen Akteuren zu bauen. Die frühzeitige Einbindung aller relevanten Stakeholder entlang eines Szenarienkatalogs war hierfür essenziell. Durch den Aufbau von Vertrauen und Transparenz, bereits Monate vor der eigentlichen Eventwoche, wurden potenzielle Differenzen aufgedeckt und adressiert. Gerade bei einem so internationalen und emotional aufgeladenen Event wie dem ESC ist das Verständnis für unterschiedliche Werte und Interessen entscheidend, um im Ernstfall geschlossen auftreten zu können.

Die Umsetzung: Präsenz, Antizipation und Geschwindigkeit

Während der ESC-Woche waren wir mit «Augen und Ohren im Feld» präsent. In der Eventhalle, in den Strassen und im virtuellen Raum verfolgten wir Stimmungen und Entwicklungen live. Parallel haben wir Szenarien durchgespielt und Kommunikationsbausteine vorbereitet, sodass wir bei Bedarf sofort reagieren konnten. Geschwindigkeit war dabei das oberste Gebot:

Wir veröffentlichten mehrfach offizielle Statements innerhalb weniger als einer Stunde nach einem Ereignis. So behielten wir die Kommunikationshoheit und verhinderten die grossflächige Verbreitung von Falschinformationen oder verzerrten Darstellungen.

Krisenkommunikation beim ESC 2025 in Basel war Champions League. Ein strategisches Zusammenspiel mit zahlreichen hochkarätigen internen und externen Partnern, bestehend aus integrierter Kommunikation, vorausschauendem Stakeholder-Management und operativer Exzellenz. So konnten wir alle gemeinsam den ESC – trotz oder gerade wegen politischer und gesellschaftlicher Spannungen – als grosses Fest der Musik und des europäischen Zusammenhalts präsentieren.



Alice Chalupny berät als Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten in Krisen- und Reputationsfragen. Sie ist Dozentin, Verwaltungsrätin und Fachoffizierin der Schweizer Armee. Zuvor war sie während 25 Jahren Wirtschaftsjournalistin und leitete die Kommunikation der fenaco und der Mobiliar. Beim ESC 2025 in Basel wurde sie für den Aufbau und die Umsetzung der Krisenkommunikation mandatiert.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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