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Fake News für die Elite

Stefan Millius

Es gab eine Zeit, da verbreiteten sich unsinnige Meldungen vor allem bei den Konsumenten von rechten Verschwörungstheorien. Die sind anfällig für professionell aufgemachten Unsinn, und eine bunte Grafik oder ein mit dramatischer Musik unterlegter Youtube-Clip ist alles, was sie brauchen, um ihre Überzeugung zu stärken. Beliebte Motive aus dem politischen Bereich sind die Gefahren des Islam oder die Migration allgemein. Und die gut gebildete Schicht links der Mitte tadelte die Fake-News-Verbreiter regelmässig für ihre Leichtgläubigkeit.

Nun aber hat die globale Erwärmung, marketingtechnisch geschickt zum «Klimawandel» umbenannt, die Themenführerschaft übernommen. Deshalb geht es jetzt darum, der Welt zu zeigen, wie schlimm es wirklich ist. Und siehe da: Mit einem Mal ist der andere Pol der politischen Skala ebenfalls empfänglich für veritablen Schwachsinn.

Seit einigen Tagen verbreitet sich auf Facebook ein ursprünglich auf Französisch verfasster Beitrag, der von Rekordtemperaturen in Dubai berichtet. In der letzten Juniwoche seien dort 63 Grad gemessen worden, und Bäume hätten sich von selbst entzündet. Man sieht es förmlich vor dem geistigen Auge, wie ganze Baumalleen vor dem Burj Khalifa von der Kraft der Sonnenstrahlen entflammt werden.

Das ist eine Nachricht, die natürlich nicht von Roger Köppel und Co. geteilt wird. Aber von seinen Antipoden. Und zwar von solchen, denen man eigentlich einen hohen Bildungsstand zubilligt. Ein ehemaliger Ostschweizer Grünen-Politiker beispielsweise verbreitete die Nachricht und schrieb dazu: «So beginnt der Showdown». Will heissen: Wenn wir noch einen Beleg für den Klimawandel gebraucht hätten, hier wäre er also. 63 Grad und Bäume, die von selbst in Flammen aufgehen: Was braucht man mehr für Skeptiker?

Und nun zu den Fakten. In der letzten Juniwoche wurden in Dubai zwischen 37 und 40 Grad gemessen. Das ist für die dortigen Verhältnisse biederer Durchschnitt, das Langzeitmittel für Juni liegt bei 41 Grad. Die Bäume standen ganz friedlich da und weigerten sich, zu brennen.

Eigentlich auch logisch: Die höchste jemals gemessene Temperatur auf der Erde wurde im Death Valley in den USA gemessen, und das waren 56,7 Grad. Übrigens im Jahr 1913. Zu glauben, der mehr als 100 Jahre alte Spitzenwert wäre letzte Woche um über 6 Grad getoppt worden, ohne dass jedes Medium darüber berichtet, ist reichlich naiv. Die «Meldung» aus Dubai ist frei erfunden, und das natürlich mit einer klaren Absicht.

Die Verbreiter des Facebookbeitrags schonend darauf hinzuweisen, dass es sich hier um Fake News handelt, ist sinnlos. Da die meisten von uns in einer Social-Media-Blase leben, in der man die Meinungen teilt, hat sich die Falschmeldung längst weiterverbreitet. Und uns bleibt die Erkenntnis: Wenn das Thema «stimmt», sind jeder politischen Richtung Fake News recht.



Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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