Ist die Schweiz noch neutral – oder hat sie ihre Neutralität aufgegeben? 14’000 Mal im Monat stellen Menschen Google diese Frage so oder ähnlich, ausserhalb der Schweiz und auf Englisch.
Bei Testversuchen findet sich auf Google relativ weit oben in der Liste der Ergebnisse ein englischsprachiger Beitrag der türkischen Staatsmedien. «Warum die Schweiz nach 500 Jahren ihre Neutralität aufgibt», lautet der Titel. Der Text selbst ist zwar differenzierter. Der Titel aber setzt einen falschen Rahmen und beeinflusst die Interpretation. Und einen Titel lesen viel mehr Menschen als den Rest eines Beitrags.
Die Schweiz ist darauf angewiesen, dass man international kein falsches Bild von ihr hat. Ein paar Beispiele:
– In den zensierten sozialen Medien in China erreichen Beiträge ein grosses Publikum, die die Schweiz als kriminell und unsicher schildern – zumindest für Chinesinnen und Chinesen. Es gebe ein «Verbot chinesischer Studierender» an der ETH und die USA würde die Schweizer Banken mit dem Swift-System willfährig machen.
– In der arabischsprachigen Welt zirkulierte dieses Frühjahr ein TikTok-Video, das behauptete, die Schweiz würde bis Juni alle Migrantinnen und Migranten ausschaffen.
– In russischen Propagandamedien wie RT werden – oft komplett anonym, ohne Beitragsurhebende – regelmässig irreführende und falsche Informationen zur Schweizer Neutralität verbreitet. Ein RT-Audiobeitrag behauptete Ende 2024, die Schweiz nähere sich «weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit» der Nato an. Im Beitrag wird geunkt, dass eine mögliche Aufgabe der Neutralität «die Schweiz in die geopolitischen Konflikte des Westens hineinziehen» könnte. In anderen Beiträgen behauptete RT schon zuvor, dass die Schweiz ihre Neutralität bereits aufgegeben habe. Die widersprüchliche Chronologie offenbart die Absicht: Es geht gar nicht um kohärente Information, sondern um negative Narrative.
Die Schweizer Neutralität ist wohl die entscheidende sicherheitsrelevante Frage für die Schweiz in der internationalen Sphäre: Denn wer behauptet, die Schweiz sei nicht mehr neutral, macht die Schweiz zu einer Partei. Und wer Partei ist, dem kann man feindselig gegenüberstehen.
Dass eines Tages Falschinformationen zur Neutralität in Schweizer Landessprachen online dominieren, ist unwahrscheinlich. Dass sie das in internationalen Sprachen tun, ist deutlich wahrscheinlicher. Internationale Suchanfragen zur Neutralität müssen deshalb – nicht nur auf Englisch –unabhängige und korrekte Ergebnisse liefern.
Es ist also ein Interesse der Schweiz, dass die Neutralität, und damit die Leitlinie ihrer Aussenpolitik seit 1815, gegenüber einer internationalen Öffentlichkeit korrekt vermittelt wird. Wenn ich hundertmal höre, die Schweiz sei nicht mehr neutral, dann nehme ich dies als dominante Sichtweise wahr. Selbst, wenn die Aussage vielleicht hundertmal von derselben Urheberschaft stammt, aber über verschiedene Kanäle zu mir kommt. Es gibt einen nachgewiesenen Effekt oft wiederholter Unwahrheiten.
Bekanntlich kann der seriöse Journalismus nicht jeder Falschdarstellung hinterherrecherchieren. Falschinformationen finden Verbreitung – daran kann man wohl nichts ändern. Im Inland kann man zwar die Bevölkerung in Medienkompetenz schulen. So lernen alle selbst das Erkennen und Hinterfragen von Manipulationstechniken.
Gegenüber einem Publikum im Ausland hat die Schweiz keine andere Möglichkeit, als über die Medien aufzuklären. Und das in möglichst vielen Sprachen.
Eine vertiefte Analyse zum Thema mit vielen anschaulichen Beispielen findet sich auf Swissinfo.
Benjamin von Wyl berichtet als Reporter von Swissinfo SWI über Entwicklungen in der Demokratie, bei denen die Schweizer Perspektive relevant wird.
Unsere Autorinnen und Autoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.



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Fake News: Falschinformationen gefährden die Sicherheit