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Ferienfotos ohne Filter und ohne Hashtag

Hans-Jörg Walter

Es gibt viele Gründe, Ferienfotos zu machen. Die meisten sind sehr trivial: Als Beweis, dass man tatsächlich irgendwo war, als Erinnerung an einen Ort oder als touristische Tätigkeit, weil man ja irgendwas machen soll, wenn man einen Sonnenuntergang oder ein altes Bauwerk oder einen Teller voller farbiger Früchte vor sich hat. Fotografieren ist zu einer Kulturtechnik geworden, die so selbstverständlich ist, dass man sich gar nicht mehr überlegt, wieso man überhaupt knipst: Ich fotografiere, also bin ich.

Aber wer soll denn all diese Bilder anschauen? Und vor allem bis wann? Denn irgendwann sind sie auch nicht mehr da: Seit digital fotografiert wird, entstehen Milliarden Bilder, von denen die meisten ihre Ersteller nicht überleben: Clouddienste werden nach dem Ableben inaktiv, Harddisks unlesbar und Passwörter gehen vergessen. Was mal in Fotoalben, als Ausdruck oder in Form von Dias auf dem Dachboden Jahrzehnte überdauerte, verschwindet nun ohne Widerhall in der realen Welt. Das ist vielleicht auch gar nicht schlimm, die künftigen Historikerinnen werden genug mit den sonstigen Hinterlassenschaften unserer Generation zu tun haben.

Nichtsdestotrotz kann das Fotografieren in den Ferien eine spannende Herausforderung sein und richtig Spass machen: Organisieren Sie sich eine analoge Kamera (es finden sich auf Auktionsplattformen schon welche um die zwanzig Franken). Kaufen Sie sich zwei Farbfilme, mit denen können Sie 72 Ferienfotos machen. Und davon werden die wenigsten gut. All die Fehler, die beim Fotografieren passieren und welche Ihr Smartphone automatisch korrigiert, werden hier jetzt sichtbar. Und genau das ist eine spannende Herausforderung und ein lustvoller Zeitvertreib am Strand, vor einem Denkmal oder in muffigen Museen. Aber das Beste ist: Das Resultat Ihrer Knipserei sehen Sie erst, wenn die Ferien vorbei sind.

Diese Fotofehler lohnen sich zum Nachahmen:

  • Schneiden Sie beim Fotografieren Ihren Liebsten die Köpfe ab.
  • Fokussieren Sie auf Unwichtiges; Hauptsache, Ihr Motiv wird unscharf.
  • Machen Sie zu helle oder zu dunkle Fotos.
  • Halten Sie einen Finger vor die Linse.
  • Schiessen Sie in die falsche Richtung, anstatt das berühmte Gemälde fotografieren Sie den Museumswärter.
  • Bewegen Sie Ihre Kamera während des Fotografierens hektisch, denn Verwackeltes ist viel authentischer als elektronisch stabilisierte überschärfte Pixelhaufen.


Hans-Jörg Walter verantwortet den Bereich Bildbeschaffung und Workshops bei der Ex-Press, Visuelle Medien AG. Der ausgebildete Fotograf arbeitete für die Werbung, Industrie und Editorial, als Bildchef und Creative Director in Medienprodukten und als Dozent für Fotografie.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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