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Florian Inhauser macht Schlagzeilen

Gottlieb F. Höpli

Sein anglophil versnobtes Auftreten muss er sich in London angeeignet haben, wo er als Korrespondent des Schweizer Fernsehens vier Jahre lang lebte und arbeitete. Seither scheint Florian Inhauser dem biederen helvetischen «Tagesschau»-Publikum jeden Tag aufs Neue vermitteln zu wollen, dass es einen welterfahrenen Journalisten wie ihn benötige, um die Welt zu verstehen. Das ist schon das erste Missverständnis der eigenen Rolle eines Nachrichtenmannes: Er darf nicht vor, sondern soll hinter den Ereignissen stehen.

Genau dies, die publikumsdienliche Vermittlerrolle, versucht Florian Inhauser mit allen Mitteln zu überspielen: Ein zwischen herablassendem Dandytum und anbiedernder Kumpanei changierender Auftritt, Kalauer und Wortspiele ohne Ende – locker-flockig geschöpft aus dem Unarten-Fundus der deutschen Grossmedien – verderben unzähligen Schweizer Fernsehzuschauern den Einstieg in den TV-Abend. Von den übrigen sprachlichen Marotten gar nicht zu reden. Sogar ein Mitglied des SRG-Publikumsrats verriet uns hinter vorgehaltener Hand, dass sich ihm regelmässig «die Nackenhaare sträuben», wenn Florian Inhauser die «Tagesschau» moderiert. So virtuos manieriert und affektiert konnte einst nur Cesar Keiser pseudo-angelsächsisches Sprachgetue imitieren – aber Ces Keiser war kein Journalist, sondern Kabarettist.

Im Hause Leutschenbach sieht man dies anscheinend undramatisch entspannt. Als Inhauser kürzlich beim Dauer-Thema Covid-19 von einem neuen Wirkstoff zu berichten hatte, der in den USA entwickelt wird, sprach er so lange von «würg(g)en» und «Würgstoff», bis ich in einem Anfall von Verzweiflung der SRF-Zentrale in einem Mail schrieb: «Wenn Florian Inhauser das nächste Mal von einem Würgstoff statt von einem Wirkstoff spricht, zeige ich ihn wegen versuchten Mordes an. Seine manierierte Moderationssprache wäre allein schon Grund genug, ihn jedes Mal wegen vorsätzlicher Grausamkeit gegenüber dem Publikum anzuzeigen.» Im Leutschenbach-Kundendienst freute man sich standardisiert an meinem «Interesse für Radio und Fernsehen SRF» und teilte mir mit, unter welcher Kundennummer mein Anliegen bearbeitet werde. Seither blieb es still.

Das journalistische Kapitalverbrechen ihres Star-Moderators, sich in einer Nachrichtensendung penetrant vor statt hinter die Ereignisse zu stellen, wird von den SRF-Oberen anscheinend so hoch geschätzt, dass Kritik daran gar nicht erst wahrgenommen und schon gar nicht beantwortet wird. Dabei zeigt sich das abgrundtiefe journalistische Missverständnis Inhausers von seiner Rolle jeweils bereits im ersten Satz, mit dem er die «Tagesschau»-Hauptausgabe stereotyp eröffnet: «Das macht an diesem Tag Schlagzeilen.»

Was beim ersten Anhören unverfänglich tönt, ist es beim zweiten durchaus nicht mehr. Denn wer ist mit diesem «Das» gemeint, das da Schlagzeilen macht? Etwa das Ereignis selbst? Nein, unmöglich: Ereignisse machen keine Schlagzeilen. Sie ereignen sich. Werden wahrgenommen (oder eben auch nicht). Von einzelnen Menschen, von vielen Menschen. Vielleicht auch von den Medien. Von lokalen Medien. Von grossen nationalen oder gar internationalen Medien. Genauer: von deren Redaktionen. Die entscheiden dann, ob das gemeldete Ereignis berichtenswürdig ist, ob es gar eine Schlagzeile verdient.

Mit anderen Worten: Es sind nicht die Ereignisse, die sich den Redaktionen aufdrängen und verlangen: «Mach mich zur Schlagzeile!» Es sind die Redaktionen, die Journalisten dieser Welt, Leute wie Florian Inhauser einer ist, welche die Schlagzeilen «machen». Beziehungsweise entscheiden, welche Ereignisse es nicht verdienen, dass über sie berichtet wird.

Mit anderen Worten: Das Medium macht die Botschaft. Und wird dadurch, wie es einer der ersten Popstars der Medienwissenschaften, Marshall McLuhan, einst beschrieb, selbst zur Botschaft. Wenn Moderatoren und die dahinterstehenden Redaktionen behaupten, die Schlagzeilen machten sich gewissermassen von selbst, führen sie das Publikum schlicht und einfach hinters Licht. Nicht immer aus ehrenwerten Motiven. Manche von ihnen tuns anscheinend, um sich noch viel ungezwungener im Licht der Studioscheinwerfer zu sonnen.



Gottlieb F. Höpli ist ehemaliger Chefredaktor des St. Galler Tagblatts und heute Gastautor bei Die Ostschweiz.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Mariann Wüthrich, 22.08.2020 13:07 Uhr
    Lieber Herr Höpli, schade finden Sie an den Moderationen von Florian Inhauser keinen Gefallen. Es ist wahrscheinlich Geschmacksache. Ich jedenfalls finde die Art und Weise wie Herr Inhauser die Nachrichtensendungen vorträgt sehr süffig, interessant, spannend - so dass man dran bleiben und bis am Ende zuhören muss. Er ist aus meiner Sicht einer von denen, der alles andere als langweilig ist und nicht so wie viele ins "gleiche Horn bläst" - er ist anders - und genau das macht ihn einzigartig. Weiter so Florian Inhauser!
  • Anita Herzig, 21.08.2020 15:40 Uhr
    Über den Artikel von Gottlieb Höpli und die meisten Kommentare dazu, kann ich nur den Kopf schütteln. Die Neidkultur lässt grüssen...
  • Sven Reinecke, 21.08.2020 14:10 Uhr
    Inhauser gibt für mich der Schweizer Tagesschau die Würze, die die Sendung sehenswert macht. Gerade deshalb gucke ich sie gerne, vor der ARD-Tagesschau. Dort wäre ein Inhauser nicht denkbar - das Jobprofil eines reinen "Nachrichtensprechers" ist aber auch ein anderes. Weiter so!
  • Ueli Custer, 17.08.2020 13:17 Uhr
    Was bleibt von den Kommentaren: Den einen (wie mir) gefällt seine Art, den andern nicht. Das ist das Schicksal von Leuten, die sich exponieren. Und die sind mir jedenfalls lieber als graue Nachrichtenmäuse ohne Profil.
  • Ellinor von Kauffungen, 17.08.2020 11:18 Uhr
    Du meine Güte, haben Sie wirklich keine andere Sorgen, GFH? Man muss nicht alle Moderator*innen mögen, aber deshalb gleich so viel Häme vergiessen? Ein Tipp: so wie ich langweilige Artikel und Kommentare von freudlosen (Chef-)Redaktor*innen einfach überblättern kann, gibt es beim TV-Gerät einen Aus- oder Umschaltknopf. Etwas mehr Gelassenheit, lieber GFH!
  • Mark Bächer, 17.08.2020 10:21 Uhr
    Sprachspielereien in Ehren - Nur leider ist Florian Inhausers Rede vor lauter Schachtelsätzen und Kalauern kaum mehr verständlich. Gottlieb Höplis Analyse hat mir bewusst gemacht, dass es dem Moderator eventuell weniger darum geht, dem Publikum wichtige Informationen zu vermitteln, sondern eher sich selbst in Szene zu setzen. Vielleicht sollte er sich ein Vorbild an seinen Kolleginnen nehmen, die die Tagesschau immer souverän, ohne Eitelkeiten und trotzdem eloquent moderieren.
  • Peter Eberhard, 17.08.2020 09:51 Uhr
    Danke, Herr Höpli. Herr Inhauser ist aber nur die Spitze des SRF-Eisbergs. Ob Tagesschau oder 10v10 (das oft erst nach 10v10 beginnt...), ob Vetsch oder Honegger und jetzt auch wieder Gredig: Warum um Himmelswillen meinen sie alle, die jeweilige Nachricht zusätzlich zum pseudo-niedersächsischen Hochdeutsch auch noch so penetrant-manieriert mit Gestik und Gesichtsausdruck unterstreichen zu müssen? Ich sage immer wieder: Schaut Euch Ingo Zamperoni von den ARD-Tagesthemen an: DAS ist prodessionell.
  • Gisela Bannerman, 15.08.2020 10:00 Uhr
    Das ist die art von florian inhauser, meldungen zu verbreiten. Mir gefällt es es. Sie müssen florian lnhauser nicht anhören/ansehen. Ausschalten oder abstellen ist eine gute variante für Sie. Heute hat man die wahl.
  • Christine Kaiser, 15.08.2020 09:44 Uhr
    Kann ich voll unterschreiben. Galt auch für Katja Stauber, seine Frau. Beide haben das Gefühl, die News theatralisch "verkaufen" zu müssen. Ich habe lange Zeit umgeschaltet, wenn einer der beiden im Einsatz war.
  • Hans Reber, 15.08.2020 08:10 Uhr
    Lieber Herr Höpli Sie sprechen mir aus der Seele! Halleluja! Bei einer Nachrichtensendung interessiere ich mich für Fakten -schnörkellos, nüchtern, neutral. Künstlich witzige Wortspielchen und herablassende Kommentare sind dabei fehl am Platz und sind alles andere als originell! Herr Inhauser ist mit seiner Art, Nachrichten zu moderieren, eine Zumutung!
  • Lucia Lang , 15.08.2020 07:48 Uhr
    Sobald sich jemand in der Schweiz abhebt, wird er runter gemacht. Ich schätze genau das an der Tagesschau Moderation von Florian Inhauser, was andere offenbar so hassenswert finden. Die meist unerträglichen Nachrichten von regierenden Despoten rücken durch Inhausers Ausdrucksfähigkeit und Stil keineswegs in den Hintergrund. Über die Welt, die vor die Hunde geht und die jungen Menschen, die ihre Meinung nicht mehr äussern dürfen und brutal in Gefängnissen gefoltert werden, müsste man sich aufregen!
  • Rosmarie Rosenberger, 15.08.2020 07:29 Uhr
    Herr Höpli hat mir aus dem Herz gesprochen! Bin immer drauf und dran den Fernseher auszuschalten, wenn Herr Inhauser erscheint.
  • Max Spring , 15.08.2020 06:21 Uhr
    Wunderbar gschriebe! Für mi si siner Wortspielereie ou unerträglech. Wie chamr bi Katastrophe, Leid, Hunger, Klimawandel ... scho nume dra dänke, jtz chönnti das i nes "witzigs" Wortspieli verpacke?
  • Katharina Fankhauser, 15.08.2020 00:50 Uhr
    Er ist einer der einzigsten Moderatoren, der diese ernsten , negativen berichte mit Humor dokumentieren kann. Das ich als zuhörer nicht den glauben verliere ,dass die ganze Welt schlecht und korrupt ist. Ist es nicht viel mehr so ? Dass so viele Menschen keinen Humor mehr besitzen?
  • Patrick Senn, 14.08.2020 18:09 Uhr
    “Demut vor der eigenen Rolle” - Das gehört leider weder zum Führungsverständnis, noch ist es Teil des Ausbildungsprogramms bei SRF. Ich denke mit Wehmut an die Grossen dieses Geschäfts zurück, allen voran Hajo Friedrichs bei der ARD oder auch Erich Gysling bei SRF. Die hatten keine solchen narzisstischen Manierismen nötig, ihre Persönlichkeit reichte.
  • Rudolf Penzinger, 14.08.2020 16:01 Uhr
    Da wirft einer, der selber nicht ohne Tadel ist, den ersten Stein.
  • Kurt Schaeffner, 14.08.2020 15:55 Uhr
    Lieber Herr Höpli, wir Schweizer zeichnen uns ja im allgemeinen nicht eben durch besondere Originalität aus, was dazu führt, dass sich Rückkehrer von einem längeren Auslandaufenthalt oft leicht von Durchschnitt abheben. Das "pseudo-angelsächsische Sprachgetue" welches sie zwar dem unvergesslichen Kabarettisten Ces Kaiser zugestehen, Florian Inhauser, dem täglichen Überbringer oft wenig erfreulicher Nachrichten aber versagen, versöhnt mich zuweilen mit deren Inhalt.
  • Benno Gasser, 14.08.2020 14:28 Uhr
    Wie wahr. Gottlieb Höpli bringt es auf den Punkt. Ich kann jede Zeile unterschreiben. Noch eine Ergänzung: Das arrogante und versnobte Auftreten hat sich Inhauser nicht erst in London angeeignet, sondern bereits als VJ bei Tele Züri. Ich habe ihn damals selber als Journalist bei Pressekonferenzen erlebt. Tritt er auf, wechsle ich sofort den Kanal.
  • Bruno Hegglin, 14.08.2020 10:59 Uhr
    Lieber Gottlieb Du schreibst mir aus der Seele. Welche Wohltat.
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