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: Frühzeitig in Rente

Während die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre nur noch eine Frage der Zeit ist und sich unsereiner mit dem Gedanken abfindet, nicht vor 70 Jahren pensioniert zu werden, geht das Schweizer Radio und Fernsehen unbeirrt entgegengesetzte Wege. „Pensionierungsalter 62“, heisst es dort in den "Allgemeinen Anstellungsbedingungen für Kader der SRG". Diese Regel wurde 2001 festgelegt, einerseits „aus der Erkenntnis der Vorjahre, dass es für Kadermitarbeitende eine Entlastung darstellt, wenn sie ihre Aufgaben früher abgeben können" so die Begründung der SRG. Andererseits „damit Jüngere mit neuen Ideen in verantwortungsvolle Funktionen kommen konnten“. Ist es wirklich sinnvoll, dass die SRG ihre Ü60-Kadergeneration mit einem finanziellen Fallschirm ausrüstet und sie frühzeitig in Rente entlässt? Darüber kann sich nur die Augen reiben, wer erlebt, wie engagierte SRF-Mitarbeiter mitten aus dem Berufsleben herausgerissen werden: Die jüngsten Beispiele sind Ex-10vor10-Chefredaktor Hansjörg Utz, Ex-Dok-Chef Christoph Müller oder Ex-Tagesschau-Redaktionsleiter Heiner Hug. Alle drei wären noch voller Tatkraft und bringen dank langjähriger Führungs- und Journalismus-Erfahrung schwer ersetzbares Know-How ein. Klar, „Platz für Jüngere zu machen“ – dieses Argument scheint legitim, zumal durch die behördenähnlichen Strukturen des öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehens jeder Karriereaspirant Pech hat, dem ein sesselklebriger Chef vor der Nase sitzt. Zusätzlich fragwürdig wirkt diese Regel, wenn SRF auf der anderen Seite sogar Moderatoren beschäftigt, die die 60er-Grenze mehr als nur einige Monate überschritten haben, wie etwa Beni Thurnheer (63), Kurt Aeschbacher (63), Roger Schawinski (67). Für Moderatoren gilt wie für alle anderen SRG-Mitarbeitenden das Pensionierungsalter 65, also nicht wie für Kader das Alter 62. Durch die ungewöhnlich früh angesetzte Kader-Alters-Guillotine sind bald auch Roger de Weck (59) oder Rudolf Matter (59) vor die Wahl gestellt: sich selber zum einfachen Mitarbeiter ohne Führungserfahrung degradieren oder doch lieber den Hut nehmen, um ein gemächlicheres, prioritätenverändertes Leben zu führen und sich gelegentlich bei Infosperber, Journal21 oder in einer eigenen Beratungsfirma auszutoben? Dabei gäbe es Alternativen: Hat sich SRF schon einmal mit einem Mentoringsystem befasst? Wer wäre besser geeignet um jüngere Kollegen zu unterstützen als die Ü60-Generation vom Leutschenbach? Über Abbau von Führungsverantwortung hin zu Coachingaufgaben wäre ein regulärer, gestaffelter Abschied möglich. Ein solcher macht Sinn, zumal für SRF-Mitarbeitende ein ähnlicher Schritt wie derjenige von Rolf Bollmann, der als CEO der Basler Zeitung mit 64 Jahren nochmals eine wahrliche Herkulesaufgabe antritt, unmöglich ist.
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