Ich war am Donnerstag an der Dreikönigstagung des Verlegerverbands. Das Thema war «KI, Social Media, Journalismus – wem glauben wir noch?». Und als Leitmotiv immer wieder die Bekräftigung, wie wichtig Medien für die Demokratie sind. Davon bin ich auch überzeugt und habe mich daher als Medienpolitikerin immer für eine Medienförderung und für die Pressefreiheit eingesetzt.
Als Verlegerin ist mir die schwierige Lage der Medien schmerzlich bewusst. Dennoch führen solche Anlässe bei mir immer wieder zu einer Reihe von Fragen, die wir meines Erachtens – gerade im KI-Zeitalter – ernsthaft diskutieren müssen. Gerade wenn wir es wirklich ernst meinen mit der Rolle des Journalismus zur Stärkung und Erhaltung der Demokratie. Dabei ist mir absolut bewusst, dass ich selber nicht frei von Widersprüchen bin und schon gar nicht auf alles eine Antwort habe.
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Wie glaubwürdig sind Medien und die Politik, wenn sie immer noch darauf bestehen, als Hauptkommunikationsmedium eine Plattform zu verwenden, die rechtsnationalistische Desinformation verbreitet und neuerdings damit Aufsehen erregt, dass dessen KI sexualisierte Deepfake-Bilder produziert und dabei auch vor Kindern oder Holocaust-Überlebenden nicht zurückschreckt. Und dies offenkundig nur, weil man zu bequem ist, etwas Ressourcen in Alternativen zu stecken (wie etwa Mastodon oder Bluesky) oder weil man irgendwie Meinungs-Spaces, die nicht total rechts dominiert sind, als irrelevant betrachtet.
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Wie glaubwürdig ist der Einsatz für die Demokratie und wie demokratiefördernd sind Medien, wenn man als NZZ in Deutschland mit aller Kraft eine rechtsextreme und faschismusfreundliche Partei an die Macht schreiben will?
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Wie glaubwürdig sind Medien als Bollwerk gegen den Autoritarismus, wenn man bei jedem Angriff einknickt, wie man dies bei Trump exemplarisch sieht?
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Wie glaubwürdig ist es, wenn man gleichzeitig gegen KI wettert und deren Urheberrechtsverletzungen anprangert, aber selber mit ebendenselben KIs daran arbeitet, journalistische Stellen einzusparen? Und im Falle von Ringier zudem sogar mit der Überwachungsfirma Palantir kooperiert?
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Wie glaubwürdig ist es, wenn man von Modernisierung spricht und gleichzeitig mit aller Kraft an veralteten Technologien und Besitzstand festhält (wie beispielsweise beim UKW und beim Widerstand gegen eine kanalunabhängige Förderung)?
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Wie glaubwürdig ist es, wenn sich ein Saal von Menschen, die in der Mehrzahl wohl über 50 (dazu gehöre auch ich) und männlich sind, Gedanken darüber macht, wie man Junge erreicht?
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Wie glaubwürdig ist es, Journalismus zu vertreten, wenn man als TX-Vertreterin konsequent von Produkten spricht und nicht von Journalismus?
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Wie glaubwürdig ist es, von Medienvielfalt zu sprechen in einem Zeitalter von zunehmender Konsolidierung und Konzentration? Und gibt es in dieser Medienvielfalt auch tatsächlich eine Meinungsvielfalt oder ist es vor allem ein gleichzeitiges Anschreiben gegen einen vermeintlichen Mainstream? Schreibt und produziert man wirklich für sein eigenes Publikum oder für eines, das einen sowieso verachtet?
Wie oben gesagt, wir haben da alle auch ein Glaubwürdigkeitsproblem und oft wissen wir die Antworten auch nicht. Aber wir sollten als Branche uns nicht nur selber von unserer eigenen Wichtigkeit überzeugen, sondern uns wirklich überlegen, wie wir tatsächlich die Demokratie stärken und welche Rolle die Medien dabei spielen sollen. Die Lage ist zu ernst für Floskeln.
Min Li Marti ist Verlegerin der Wochenzeitung P.S. und Nationalrätin der SP.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.



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Glaubwürdigkeit