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Grundrechte werden zertreten

Manfred Klemann

Sie kennen sicher Alexa, die Sprachsuchbox von Amazon, die in immer mehr Haushalten steht. Man kann mit Alexa reden. Zum Beispiel: «Alexa, spioniert du mich aus?» – «Nein, ich spioniere dich nicht aus. Ich respektiere deine Privatsphäre.» Und doch weiss man nun, dass Amazon bei Alexa, Apple bei Siri und auch – natürlich, möchte man sagen – Google bei seinem Sprachsteuerungssystem die Fragen der Nutzer – zum Teil sogar händisch (!) – genau aufzeichnet und diesen dann sehr zielgenau Angebote macht.

Dürfen die das? Dürfen E-Mails durchsucht werden nach Inhalten, um kommerzielle Angebote zu machen? Darf unser Briefträger Postkarten lesen oder gar Briefe öffnen, um uns dann Befindlichkeiten und Wünsche freundlich anzudienen? Darf der Paketbote in die Sendungen schauen und dann – wenn er sieht, welche Lieblingsweine ich habe – selbst ein passendes Angebot abgeben? Darf Google, wenn ich nach dem Wetter auf Mallorca schaue, mir ein Google-Angebot für eine Mallorca-Reise unterbreiten?

Zwei der obigen Fragen werden mit «Darf nicht» beantwortet und zwei mit «Machen die». Ob aber Amazon das Recht (als juristische Diktion) hat, die Fragen oder Wünsche, die ich an sein Gerät Alexa stelle, kommerziell auszunutzen, muss doch sehr bezweifelt werden. Wo kein Kläger, da kein Richter, und wenn denn mal geklagt wird, verweisen die grossen Internetfirmen ans ferne Silicon Valley, wo der neutrale Richter sicher wohlwollend die Klagen aus dem fernen Europa entgegennimmt.

Aber sind wir nicht selber schuld, wenn wir diese Geräte oder Suchmaschinen nutzen? Also, bei Alexa sind wir es auf jeden Fall! Ich habe selbst so eine Maschine in meinem Studio stehen. Und wundere mich immer mehr, dass diese Geräusche, Antworten, auch fremde Konversationen überträgt, selbst wenn ich sie gar nicht anspreche. Vielleicht eine technische Fehlfunktion. Vielleicht. Aber heute Morgen ist es eben wieder passiert, dass ohne «Alexa» das Gerät zu brabbeln begann. Ich bin jetzt wild entschlossen, die schwarze Röhre ohne Strom und Batterien in den Tiefen meines Kellers verschwinden zu lassen. Andererseits, würde mein Sohn sagen, müsste ich dann auch das Handy – das Maximum an Überwachungsmaschine, unabhängig, von wem es herausgegeben wird – sofort aufgeben. Denn wenn wir dieses bei uns tragen, dann weiss, wer es wissen will, wo wir sind, was wir sagen, wen wir kennen, wie unser Tagesablauf aussieht und sogar was wir in den nächsten Monaten vorhaben. Kalender, Tickets, Kontakte, Whatsapp-Nachrichten, Instagram, Facebook sagen es dem dunklen Loch auf der anderen Seite.

Wenn dies alles dann in einem Nirwana verschwände, wäre ja alles in Ordnung. Aber warum bekomme ich dann auf dem Handy zielgerichtete Angebote zu Veranstaltungen, die genau dann stattfinden, wenn ich – laut meinem Kalender – eine Woche in London bin, und Hotel- und Restaurantangebote, die genau passen?

Wir liefern uns aus. Freiwillig. Aus Bequemlichkeit. Wir nehmen es hin, dass einige der einst wichtigsten Grundrechte, das Post- und Fernmeldegeheimnis und die Unverletzlichkeit der Wohnung, der Privatsphäre, einfach so als inexistent hingenommen werden. Wenn mein Paketbote mir demnächst einen neuen Rioja empfiehlt, der besser sei als der, den ich doch letzte Woche bestellt hätte, werde ich gerne seine Empfehlung annehmen. Und wenn der Briefträger mir sagt, dass er aus einem Brief von Tante Else gesehen habe, dass sie am liebsten Stofftiere habe, sie ja nächsten Freitag Geburtstag feiere und er ja zufällig auch – nebenbei – Stofftiere versende: Auftrag gerne erteilt.

Dass der Briefträger mich dann noch erinnert, dass ich ja diesen Strafzettel aus Zürich noch nicht bezahlt habe – die Mahnung hat er gestern selbst im zugeklebten Umschlag zugestellt –, verwundert mich vielleicht. Aber bin ich nicht auch dankbar? Sind wir nicht alle allzu dankbar, dass uns die Maschinen das Denken abnehmen? Haben wir doch umso mehr Zeit, uns bei Netflix oder Amazon Prime oder Hulu oder Disney die neuesten Serien anzuschauen …    



Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer der Pioniere des europäischen Internets (wetter.com). Er ist mit 20 Prozent an C-Films beteiligt, welches den «Zwingli»-Film produziert hat. Zudem ist er Miteigentümer des «persönlich»-Verlags.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

  

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