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Hetero Faber

Matthias Ackeret

1975 erschien Roger Schawinskis erstes Buch. Der Titel: «Kassensturz». Dieses «Büchlein», so der Autor mit ungewohnter Kulanz, sei nur dank Zustimmung der SRG möglich. Dann wurde er grundsätzlich: «Ein Buch, das uns alle angeht». Dieses Credo hat der Medienpionier beibehalten. In den vergangenen 48 Jahren hat Schawinski nicht nur drei Radio- und zwei TV-Sender gegründet, sondern auch noch zwölf Sachbücher geschrieben. Damit übertrifft er sogar die Anzahl der Romane seines Idols Frisch. Nach dessen Tod wohnte Schawinski einige Jahre in seiner letzten Wohnung beim Zürcher Bahnhof Stadelhofen.

Schawinski schrieb über Weltverschwörer, Narzissten, Börsensüchtige, Hundertjährige, Wohngifte, private Radio- und TV-Sender, die SRG und immer wieder über Roger Schawinski. Sein neuestes Werk heisst «Anuschka und Finn», vielleicht sein radikalstes und deswegen interessantestes Buch. Es behandelt die #MeToo-Affaire beim «Magazin», die sich nach Anuschka Roshanis Anwürfen im «Spiegel» vor drei Monaten gegen ihren Ex-Chef Finn Canonica zu einem veritablen Flächenbrand ausweitete und auch auf andere Medienhäuser überschwappte.

Mittendrin – als beobachtender Akteur – Schawinski selbst. Mittlerweile ist das Buch in Zürich Stadtgespräch, bei Orell Füssli hat es «Anuschka und Finn» auf den zweiten Verkaufsrang geschafft, juristische Klagen gab es bis anhin keine. Interessant, dass das Thema #MeToo plötzlich den Büchermarkt beherrscht: Nach Michèle Binswanger und Benjamin von Stuckrad-Barre kommt nun Roger Schawinski. Was beweist, dass Bücher die grossen Themen immer noch am besten reflektieren.

Friedrich Dürrenmatt schrieb in seinem letzten Brief an Frisch, dass dieser seinen Fall zur Welt mache. Auf Schawinski trifft dies auch zu. Im Gegensatz zu Frisch ist er aber nicht «Stiller», sondern viel lauter. Fast schon Literatur in Echtzeit, aber ohne Pseudonyme. Hetero Faber statt Homo Faber.

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Kommentare

  • Oliver Brunner, 23.05.2023 12:13 Uhr
    es ist eigentlich eine Frechheit, dass man dieses Schreiberlinge mit Frisch & Co. vergleicht. Journalisten haben immer das Problem, dass sie sich zu wichtig nehmen und glauben, dass sie im ganzen Land Gesprächsthema sind. Wer Abo-Zahlen und Einschaltquoten betrachtet, merkt, dass hier eine kleine Welt sich auf den Nabel schaut...
  • Dieter Widmer, 23.05.2023 08:00 Uhr
    Wobei festzuhalten wäre, dass das Buch von Michele Binswanger mittlerweile in der fünften Auflage produiert wurde. Schawinski dümpelt immer noch in der ersten Auflage.
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