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Keine BAG-atelle

Pierre Rothschild

Irgendwie gab es von Anfang an eine Corona-Romantik in der Schweiz. Mit seiner spröden Art beeindruckte Daniel Koch die Fersehzuschauer. Auch als er sich ab und zu widersprach, blieb er «Mister Corona». Ein Titel, der die Pandemie verniedlichte. Und auch Bundesrat Berset ging weit, als er im Mai sagte: «Wir können Corona».

Aber Viren machen vor den Grenzen nicht halt. So oft wurde die Schweiz von kriegerischen und wirtschaftlichen Problemen verschont. Politik und Wirtschaft «kann man können», kaum aber eine Pandemie.

Nach viel Corona-Romantik in den sommerlichen Monaten haben wir jetzt die Quittung. Mit einer Verspätung von einem halben Jahr verglichen mit anderen Ländern, muss man jetzt die Maske vermehrt tragen. Aber eben – viel mehr ist unserer Regierung nicht eingefallen.

Ich war in der ersten April-Woche noch in Thailand. Wer ohne Maske sein Haus verliess, musste eine Busse von 600 Franken bezahlen – für viele dort sind das zwei Monatslöhne. Restaurants, bis sie dann geschlossen wurden, durften Alkohol nur servieren, wenn man auch Essen bestellte. Um 22 Uhr bis früh am Morgen war Ausgangssperre. Jede Menschenansammlung war verboten, auch allein durfte man nicht am Strand oder an der Strasse sitzen nach 22 Uhr. Shopping-Center hatten Thermokameras, bei jedem Besucher wurde das Fieber gemessen – und zwar überall. In Thailand ist Corona jetzt noch marginal vorhanden.

Ich erhielt dann, weil ich mich auf einer App des EDA registriert hatte, jeden Tag Mails, die Schweizer sollen sofort in die Heimat zurückkehren. Es gäbe Sonderflüge von Bangkok und Phuket nach Zürich. Als ich dann fragte, wie die engen Edelweiss-Jets ausgelastet werden (Abstand), schrieb man mir, dass die Flugzeuge voll sein werden, ohne Sondermassnahmen. Man würde nicht nur Passagiere in die Schweiz mitnehmen, sondern auch solche, die von Zürich aus weiterreisen würden. Ich verzichtete auf den Viren-Flieger und konnte bei Lufthansa einen idealen Flug finden. In Zürich kam ich im Corona-Mittelalter an. Nicht eine Kontrolle bei der Einreise wurde gemacht.

Ja, es war eine «BAG-atelle», und Mitschuld haben auch die Medien. Früh wusste man, dass Masken die einfachste und beste Lösung sind. Aber da gab es keine kraftvollen Presse-Kampagnen, da gab es keine scharfe Kritik am Bundesrat. Auch die dümmlichen Worte «Wir können Corona» wurden kommentarlos aufgenommen.

Auch jetzt sind die Medien zurückhaltend, wenn es darum geht, die Details zu prüfen. Es fängt schon in Restaurants an, wo man sitzend keine Maske tragen muss. Viele Länder aber schreiben vor: Man trägt die Maske auch vor und nach dem Essen, denn die Aerosole sind überall. In einem Land mit den besten Universitäten und besten Fachleuten, befragte man zu lange die B-Fachleute, besonders bei Lokalsendern.

Einfach wird es nicht in den nächsten Wochen. Hoffen wir, dass die Medien sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Hoffen wir, dass sie auch all jenen Kraft geben, die allein und voller Angst den Alltag bewerkstelligen müssen.

In diesen Tagen erinnerte ich mich an ein Gespräch mit Axel Springer. Als ich ihn fragte, was denn für die Zeitung Bild das Wichtigste ist, sagte er: «Die Zeitung muss dem Leser helfen, durchs Leben zu gehen.»



Pierre Rothschild ist freier Medienunternehmer in Zürich in den Bereichen Filmproduktion und Presse.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Robert Weingart , 23.10.2020 06:10 Uhr
    Vielen Dank für diesen Beitrag der exakt beschreibt, wie es ist. Diesen Text könnte Manns unterschreiben. Die Gefahr wurde zuwenig und unprofessionell wahrgenommen- von Politik und den Menschen. Selbst jetzt,wo es eigentlich schon zu spät ist, wird noch gezögert.
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