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KI als Kreativitäts-Co-Pilot

Für viele ein fixer Zeitpunkt im Jahr, um am Puls von Technologie, Inspiration und Kreativität zu sein: Auch dieses Jahr bringt der Web Summit in Lissabon Persönlichkeiten, Denker und Macher zusammen, die die Tech-Industrie von morgen prägen. Das Format funktioniert: drei Tage, rund 800 Speaker und über 70'000 Besucher und Firmen aus über 150 Ländern. Für unser Creative Studio Branders ist es eine Gelegenheit, um uns von den neuesten Trends aus unterschiedlichen Industrien inspirieren zu lassen und uns mit Peers aus unserer Branche auszutauschen.

Eines der dominierenden Themen am diesjährigen Web Summit ist künstliche Intelligenz, wobei gerade ihre Koexistenz mit menschlicher Kreativität spannend, um nicht zu sagen spannungsgeladen erscheint. Befragt man ChatGPT nach seiner eigenen Rolle, antwortet das Modell: «Ich sehe mich als eine Art Co-Pilot für Kreativität und Informationsbeschaffung. Mein Ziel ist es, hilfreich, informativ und kreativ in der Interaktion mit Nutzern zu sein.» Und gerade dieses Konzept des Kreativitäts-Co-Piloten ist, obwohl omnipräsent, nicht unumstritten. Denn eine wichtige Frage ist noch nicht beantwortet: Gehen wir als Nutzer richtig mit künstlicher Intelligenz um?

Während sich einige in ihrer Kreativität bevormundet oder sogar bedroht fühlen, sehen andere neue Möglichkeiten, diese Tools zu nutzen. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht überraschend, dass viele Kreativschaffende stärker darauf fokussieren, erfolgreiche Projekte zu präsentieren, als sich die etwas anspruchsvollere Frage zu stellen, wie sie die Zukunft des kreativen Schaffens mitgestalten werden. Denen, die diesbezüglich etwas ratlos erscheinen, stehen jene gegenüber, die auf der zukunftsorientierten Seite des Wandels stehen. Letztere fühlen sich bestärkter denn je in ihrer Kreativität – das bestätigte Hovhannes Avoyan. Der CEO von Picsart, einer All-in-One Foto- und Videobearbeitungs-App mit mehr als 150 Millionen aktiven Nutzern pro Monat, schaut mit Begeisterung zu, wie die Kreativitätsschwelle sinkt, weil man keine Programmiersprache oder keine Programme mehr lernen muss, um eigene Ideen zu visualisieren und zu vermitteln.

Die Frage, wie sich Ansprüche an die Qualität des Endproduktes entwickeln werden, scheint beim Web Summit noch weniger ein Thema zu sein, als die Frage, wie mit der aktuell stattfindenden gewaltigen Veränderung grundsätzlich umzugehen ist. Denn eins scheint klar: Wir werden uns in diese und die noch bevorstehenden Veränderungen einfinden, so wie es bis jetzt bei jedem Demokratisierungsprozess der Fall gewesen ist.

Seit der Lancierung von ChatGPT vor knapp einem Jahr, wurde der Zugang zur KI-Welt immer einfacher und populärer, aber wir stehen immer noch am Anfang dieser faszinierenden Reise.

Darum bleibt Überzeugungsarbeit auf der Traktandenliste: Gründer und Vorreiter von KI-Firmen bewegen sich dabei auf einen feinen Grat. Einerseits möchten sie das Publikum davon überzeugen, dass ihre Tools die Arbeit von Kreativen nicht ersetzen, sondern diese besser, schneller und effizienter machen können. Im gleichen Zug spielen sie diese Fähigkeiten, vor allem die generativen, herunter. Ihre Tools brauchen uns als User, sagen sie. Sie sind lediglich Co-Piloten im kreativen Prozess. Vielleicht hilft eine solche Positionierung, Ängste zu bewältigen und die Akzeptanz von KI zu erhöhen.

Der Elefant im Raum wird erst recht nicht angesprochen: Kann der Co-Pilot eines Tages zum Piloten werden? Vermutlich ist die Frage zu gross und es im Moment zu früh ist, sie definitiv beantworten zu können. Wir sind also noch nicht so weit. Und wenn KI-Tools Co-Piloten sind, haben wir die Chance, unsere Rolle als eigentliche Piloten wahrzunehmen und diese Entwicklung mitzugestalten. Wie genau, das bleibt die grosse Herausforderung – was feststeht ist: sie erfordert echte Kreativität.



Thea Ferretti ist Communications Director bei der Agentur Branders.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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