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Klar, klar, ganz klar

Marcus Knill

Beim «SonnTalk» vom 2. Januar auf TeleZüri und weiteren Regionalsendern ist beim Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller aufgefallen, dass bei ihm stets alles «klar» ist. Ich zitiere einige seiner Sätze mit der Marotte «klar». Sie veranschaulichen, wie sich bei uns schlechte Angewohnheiten rasch einnisten können.

Beispiele beim Diskussionsthema «Neue Omikron-Welle»: «Wir haben immer klar gesagt, dass Impfungen …» – «Beim Risiko muss ich klar festhalten, dass …» – «Ich muss klar sagen: …» – «Da muss ich etwas anderes klar sagen: …» – «Den zweiten Punkt, den ich klar festhalten muss: …» – «Es hat noch andere Gründe. Wir müssen wieder klar auf die Distanzregel gehen …».

Beispiele beim Diskussionsthema «Volle Spitäler»: «Wir müssen aufpassen bei der Triage, dass wir klare Regeln haben, …» – «Ich bin klar der Auffassung, dass man die Triage nicht ans Pflegepersonal delegieren kann. Wenn die Ärzte die Politik auffordern können, auch klare Richtlinien zu geben, so …» – «Ich bin klar der Auffassung, es braucht eine gewisse Überarbeitung. Aber man muss dies auch klar justieren und klar kommunizieren.» – «Da braucht es eine klare Regelung, damit man weiss, um was es geht. Aber – und das sage ich ganz klar, …» – «Ich muss klar an die Adresse von Esther Friedli sagen: …» – «So habe ich unseren Parteipräsidenten immer klar verstanden.» – «Wir müssen immer klare Richtlinien festlegen: …».

Beispiel beim Diskussionsthema «CS-Präsident nach Quarantäne-Fehltritt»: «Da haben wir eine Kultur entwickelt, wo wir klipp und klar sagen: …».

Das Wort «klar» dominiert bei Damian Müller auch in einem Interview in der Luzerner Zeitung vom 3. Januar: «Es war klar, dass wir den vorliegenden Vertrag so nicht unterschreiben können.» – «Er hat klar gesagt, die Zeit der Rosinenpickerei sei vorbei. Wer das Gefühl hat, …» – «Für mich war von Anfang an klar, dass ich mich neben der Politik auch beruflich weiterentwickeln will. Dies wäre nicht mit dem Präsidium vereinbar.» – «Ich bin aber klar der Meinung, dass es für diejenigen …»

Vielleicht erinnern sich noch einige an die alte Waschmittelwerbung, welche die Wäsche weisser als weiss anpreist. Beim Luzerner Ständerat Müller gibt es nicht nur «klar», sondern auch die Steigerung «ganz klar». Kann eine Aussage klarer als klar sein? Die Betonung «Ich sage klar …» ist keine Garantie, dass die Äusserung tatsächlich «klar» ist. Wenn beispielsweise bei einem Auftritt eine Aussage als «ehrlich» bezeichnet wird, müssen wir annehmen, dass alles andere nicht «ehrlich» gemeint ist. Durch das ständige Wiederholen von «klar» wird übrigens das Gesagte nicht klarer, im Gegenteil: Die Marotte stört.

Schade, dass Ständerat Müller keinen Hofnarren hat, der ihm seinen blinden Fleck bewusst macht (in diesem Fall die Marotte «klar»). Könige hatten früher einen Hofnarren, der ihnen den Spiegel vorhalten durfte. Andere durften den Monarchen nicht kritisieren. Erfolgreiche Politiker und Führungskräfte haben heute Berater, die ihnen Mängel und Defizite ungeschminkt beim Namen nennen dürfen.

Alles klar?



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Uwe Tännler, 07.01.2022 22:05 Uhr
    Glasklar!
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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