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Krieg und Fasnacht – geht das?

Punkt Eins: Selbstreflexion. Das Leben und speziell auch die journalistische Berichterstattung umfassen stets Freud und Leid. Die Zeitgleichheit von Schmutzigem Donnerstag und überhaupt von Fasnacht und dem Kriegsbeginn in der Ukraine schafft freilich einen Fall, der nahelegt, innezuhalten und zu reflektieren: Inwiefern sind wir von diesem Krieg selbst betroffen? Inwiefern verlangt dies medial besondere Reaktionen? Sich dies zu fragen und solche Abwägungen dem Publikum gegenüber transparent zu machen, verdeutlicht, dass man als Redaktion umsichtig und gewissenhaft vorgeht: Es treiben einen die Fragen um, die sich so manche Bürger und Bürgerinnen stellen.

Punkt Zwei: klare Rollen und Verantwortlichkeiten. Medien können (und sollen) natürlich Fasnacht oder Karneval nicht verbieten oder absagen; solche Entscheidungen haben die Karnevalsveranstalter, die Barbetreiber, die Genehmigungsbehörden etc. zu treffen; und jede und jeder Einzelne muss sich fragen, ehe er sich ins Kostüm wirft: Passt es für mich, in Zeiten wie diesen mit Krisen wie der Pandemie und nun neu dem Krieg in der Ukraine, ausgelassen zu feiern? Kann und will ich das vor mir verantworten? Das ist eine individualethische Abwägung. Übrigens: 1991, zu Beginn des Golfkriegs, haben sich in Deutschland etliche Karnevalsveranstalter dazu entschlossen, wegen dieses Krieges ihre Umzüge abzusagen. Auch dafür gab es Pro- und auch Contra-Argumente. Damals wie heute haben wir es mit einer Frage zu tun, bei der es kein Richtig oder Falsch gibt, aber sehr wohl Gründe – sowohl für das Eine, als auch für das Andere.

Punkt Drei. Einordnen! Medien sind hier keine Entscheider. Sie sollten das Thema Fasnacht nicht boykottieren. Ihre Rolle und ihre zentralen Aufgaben sind klassisch: Informieren, einordnen (was ist der Hintergrund, welche Zusammenhänge gibt es?), gegebenenfalls eine Position, eine Kommentierung anbieten: Der eine Kommentator mag begründen, weshalb für ihn Krieg und Karneval nicht gut zusammengehen, die andere Kommentatorin, weshalb für sie beides nebeneinander Platz hat und es Menschen guttun könne, durchs Feiern Abstand von ihren Sorgen und Ängsten zu gewinnen. Ein Krieg in Europa ist ein Berichterstattungsthema, Fasnacht ebenfalls. Uns sollte sich beispielsweise ein Umzugswagen mit dem Konfliktherd Ukraine auseinandersetzen und die Menschen mit einer entsprechenden Pointe konfrontieren, dann könnte dies ein weiterer Berichterstattungsanlass sein, der beide Themen sogar verbindet.

Jetzt feiern zu gehen, ist eine Gewissensentscheidung, aber meiner Ansicht nach ist dies kein Anlass für ein schlechtes Gewissen. Entscheidend ist, dass wir uns darüber hinaus für das interessieren, was gerade in der Ukraine geschieht und hier auf seriöse und solide journalistische Einordnungsleistungen vertrauen dürfen. Gerade beim Berichten über Krieg, wo Propaganda auf allen Seiten den Blick verschiebt, hat dies allerhöchstes Gewicht.



Marlies Prinzing ist Professorin für Journalistik an der Hochschule Macromedia in Köln, Moderatorin, Kolumnistin («Der Tagesspiegel», «Der Standard»), Buchautorin und Herausgeberin diverser Fachbücher.

Unsere Blog-Autoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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