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Mea culpa als Rettungsanker

Marcus Knill

Bundesrat Alain Berset wurde gefragt, warum es möglich sei, sich privat mit zehn Personen zu treffen, aber nicht in ein Restaurant zu gehen und dort an einem Vierertisch zu essen. Daraufhin sagte Berset: «Das ist immer eine schwierige Frage. Aber im Privaten trifft es den inneren Kreis der Familie, das ist ein privater Eingriff. Es gibt auch hier ein gewisses Risiko, aber die Fünferregel war sehr strikt. Es gibt aber keine Antwort auf diese Frage.»

Der Bundesrat hat keine Antwort auf diese angeblich so schwierige Frage. Und doch versucht er, die unbegreifliche Massnahme zu rechtfertigen. Im Privaten gehe es um den inneren Kreis der Familie, dort sei die Fünferregel zu strikt gewesen. Man wundert sich: Sind die Menschen im privaten Umkreis immuner als Menschen am Vierertisch im Restaurant? Ist ein gewisses Risiko nicht an beiden Orten gleich? Wenn Berset auf diese berechtigte Frage keine Antwort hat, weshalb konstruiert er eine Pseudoantwort, die durch die mangelnde Logik nicht überzeugt?

Die Kehrtwendung der Kanzlerin

Bei Fehlentscheidungen ist Herumeiern immer eine schlechte Taktik. Weshalb fällt es oft so schwer, Denkfehler einzugestehen? Nachdem Angela Merkel einen «Oster-Lockdown» mit Schliessung aller Geschäfte verkündet hatte, ohne sich rechtzeitig mit den Ländern abzusprechen, machte sie eine 180-Grad-Kehrtwendung. Sie wählte dabei die Mea-culpa-Strategie.

Die Kanzlerin hatte angeblich doch noch eingesehen, dass ihr Entscheid ein Fehler war und nicht realisiert werden konnte. Ob sie gut beraten war oder aus eigenem Antrieb handelte, bleibt dahingestellt. Bei diesem offensichtlichen Fehler wählte die Kanzlerin die Selbstkritik, nahm den Fehler als Verantwortliche voll und ganz auf sich und entschuldigte sich wirkungsvoll. Die Spannung war ihr ins Gesicht geschrieben, als sie sagte: «Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler, denn am Ende trage ich die letzte Verantwortung.»

Mea culpa überzeugte mich. Solche Worte hatte man von der Kanzlerin bislang nie gehört. Jedenfalls gelang es ihr, sich vom Druck der Medien zu befreien. Der Reueauftritt war geschickt kalkuliert, er lenkte vom Impfchaos und den Korruptionsskandalen ab. Ein Journalist bezeichnete Merkels Entschuldigung als «gesprochene Raute», obschon die Kanzlerin selten selbstkritisch ist.

Öffentlich zu Fehlern stehen

Immer mehr Politiker und Führungspersönlichkeiten bitten um Verzeihung oder Entschuldigung, wohlwissend: Wer die Schuld auf sich nimmt, kann nicht mehr zusätzlich mit Schuld beladen werden. Selbst Erzbischof Woelki wählte im Missbrauchsskandal den Weg der öffentlichen Zerknirschung. Juristen warnen meist vor Mea culpa. Es sei gefährlich. Denn es könnte ein juristisch relevantes Schuldeingeständnis mit entsprechenden Folgen sein.

Wir können uns nur entschuldigen, wenn eine Schuld vorliegt. Sonst wäre es eine leere Höflichkeitsformel. Es gibt Personen, deren Mea culpa eine unterschiedliche Wirkung erzielte. Bill Clinton etwa hinterliess mit seiner Entschuldigung bei Monica Lewinsky, mit der er keinen «Sex» gehabt haben wollte, einen schalen Geschmack.

Gibt es die perfekte Entschuldigung? Forscher der US-amerikanischen Ohio State University haben ein Fünf-Schritte-Programm entwickelt. Dieses Vorgehen hat sich auch in meiner Tätigkeit als Ombudsmann bewährt:

Fehler eingestehen

Es ist der schwierigste Schritt. Er ist schmerzhaft, weil jeder der Beste sein möchte. Ein «es tut mir leid, das war mein Fehler» wirkt, verwenden Sie keine «Aber»-Sätze, machen Sie keine Schuldzuweisungen und bringen Sie keine faulen Ausreden.

Gespräch suchen

Suchen Sie mit der betroffenen Person in einer ruhigen Minute sofort das Vieraugengespräch. Bieten Sie ihr Hilfe an, wenn es darum geht, den Schaden wiedergutzumachen. Der oder die Betroffene ist auch nur ein Mensch und wird möglicherweise vorwurfsvoll reagieren.

Lösung vorschlagen

Machen Sie einen konkreten Vorschlag für eine Lösung des aus dem Fehler entstandenen Problems. So zeigen Sie Ihren guten Willen und Ihr strategisches Denkvermögen. Oft kann mit diesem Vorschlag die Situation entschärft werden.

Eine Entschuldigung reicht

Eine aufrichtige Entschuldigung genügt, wenn Sie deutlich machen, dass Sie die Verantwortung übernehmen, egal, ob Ihre Entschuldigung und Ihr Lösungsvorschlag angenommen werden. Sie müssen sich nicht wieder und wieder entschuldigen. Eine Bittsteller-Rolle wäre fehl am Platz. Bleiben Sie selbstbewusst auf Augenhöhe mit den Betroffenen.

Aus Fehlern lernen

Wo gearbeitet wird, gibt es Fehler. Doch dürfen sich die Fehler nicht wiederholen. Ein Fehler ist bekanntlich erst dann ein Fehler, wenn man ihn zweimal macht.

Fazit: Mea culpa kann uns in heiklen Situationen retten. Doch muss eine Entschuldigung von Herzen kommen. Heuchelei wird entlarvt.


Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Peter Salvisberg, 08.04.2021 11:16 Uhr
    Schwarztreffer! Eine kleine Ergänzung: Was mir immer wieder auffällt, dass die Formulierung bei einer Entschuldigung falsch ist. Eine Person kann sich nicht selber entschuldigen, sondern um Entschuldigung bitten. Ob ich diese Bitte dann annehmen will, steht mir offen. Bei den SBB hat man dies gemerkt. Der Zugführer sagt nun in der Regel nicht mehr „Wir entschuldigen uns für diese Verspätung“, sondern: „Bitte entschuldigen Sie diese Verspätung“.

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