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Medien verschmähen die eigene Leserschaft

Min Li Marti

Zuweilen gibt es Deutungen, die sich so in den Köpfen festsetzen, dass sie nicht wegzukriegen sind, selbst wenn sie sich zum Schluss als falsch herausgestellt haben. Zwei Beispiele von den US-Wahlen vor vier Jahren illustrieren dies gut. Zum Beispiel hiess es nach den Wahlen damals, dass 52 Prozent der weissen Frauen Trump gewählt haben.

Viel wurde darüber geschrieben und gerätselt. Wie konnten ihn so viele Frauen wählen nach «Grab them by the pussy»? Nur: Es waren nicht 52 Prozent sondern 47 Prozent, wie sich später ergab, als die Exit Polls nachkorrigiert und verfeinert wurden.

Die zweite grosse Geschichte war die Filterblase. Und spezifisch jene links der Mitte. Die urbanen linksliberalen Eliten seien abgehoben und hätten keine Ahnung vom anderen Amerika, hiess es damals. Und so machten sich gerade jene Medien, die vor allem von den linksliberalen urbanen Eliten gelesen werden, wie die New York Times, auf, um eben dieses andere Amerika abzubilden. Es entstanden tausende von Geschichten über Trump-Wähler, über Diners, über das ländliche und vergessene Amerika. Und die Meinungsseiten wurden im Meinungsspektrum erweitert.

Das gab zwar auch mal internen Protest und Abokündigungen, wie beispielsweise als die NYT einen Klimaskeptiker als Kolumnisten anheuerte. Oder als sie einen Meinungsartikel eines republikanischen Senators abdruckte, der die Armee auf Black-Live-Matters-Demonstranten hetzen wollte.

Die New York Times tat sich auch schwer, die Lügen des ehemaligen Präsidenten als Lügen zu bezeichnen. Obwohl auch seine Fans wissen, dass er es mit der Wahrheit und den Fakten nicht immer genau nimmt. Die New York Times will es zwar nicht sein, aber ist es natürlich: Eine Zeitung mit einer Positionierung und einer Leserschaft urban und Mitte-Links. Auf der anderen Seite, bei Fox News etwa, gibt es diese Hemmung Seite zu beziehen nicht.

In der Schweiz ist es sogar weit schlimmer. Bei den grossen Publikationen gibt man sich auch als neutrale Forumszeitung. Wenn es aber dann dennoch eine Meinung gibt, dann kippt man im Zweifel gegen rechts, auch wenn die eigene Leserschaft das kaum so sieht.

Der Chefredaktor des Bunds, Patrick Feuz, schreibt alle vier Jahre in Leitartikeln gegen die Rot-Grün-Mitte-Mehrheit der Stadtregierung der Bundeshauptstadt an. Auch wenn vermutlich der Grossteil der Leserschaft des Bundes sich wohl im Rot-Grün-Mitte-Spektrum positioniert.

Am vergangenen Sonntag gab es in drei von vier Sonntagszeitungen ausführliche Interviews von Konzernchefs gegen die Konzernverantwortungsinitiative. Am Sonntag zuvor sah es ähnlich aus. Dies obwohl vermutlich mindestens die Hälfte der Leserschaft Sympathien für die Konzernverantwortungsinitiative hat. Im NZZ-Feuilleton gibt es seit Jahren gefühlt nur noch zwei Themen – gendergerechte Sprache und politische Korrektheit. Das klassische Feuilleton liegt brach. Nun gibt es in politischen Fragen immer gute Argumente dafür und dagegen. Und es schadet niemandem, sich mit den Argumenten der Gegenseite auch vertraut zu machen. Das Problem ist eher, wenn man das Gefühl hat, dass man offenbar weder gemeint noch angesprochen wird.

Seit Jahren kämpfen Frauen für eine angemessene Vertretung – auch in den Medien. Die Tamedia-Zeitungen haben im vergangenen Jahr selber ausgewertet, wie häufig Frauen und Männer genannt werden, und kamen auf ein ziemlich grosses Ungleichgewicht. Lediglich 23 Prozent der Nennungen sind Frauen, gegenüber 77 Prozent Männern. Es gibt zudem Untersuchungen, die zeigen, dass sich die Vormachtstellung der männlichen Experten in der Corona-Zeit noch akzentuiert hat.

Das Gleiche gilt auch für die Themen-Hierarchie: Gleichstellung, Familienpolitik, Bildung und Soziales hat weniger Prestige und Platz als Wirtschaft oder Sicherheitspolitik. Gerade Gleichstellungsthemen sind selten, wenn nicht gerade Frauenstreik ist.

Natürlich gibt es auch Gründe, warum man eher Männer als Frauen befragt. Frauen sagen häufiger ab, und in gewissen Themen gibt es weniger Expertinnen als Experten. Allerdings gibt es offenbar Medien, die es schaffen, eloquente, interessante und kompetente Expertinnen zu einer Vielzahl von Themen zu finden, auch neue Stimmen. Zum Beispiel das Echo der Zeit, während in vielen Printmedien, die immer gleichen Männer – meist sogar mit eher zweifelhaften Kompetenzen – zu den immer gleichen Themen befragt werden.

Viele Medien und Medienschaffende scheinen sich das Ziel gesetzt zu haben, gegen den Mainstream zu schreiben. Und haben damit den eigenen Freundeskreis mit den politischen Mehrheitsverhältnissen des Landes verwechselt. Dabei haben sie aber vergessen, dass eben gerade jene, die sie schmähen, auch jene sind, die sie eigentlich lesen und abonnieren. Viele tun es nicht mehr. Die Relevanz und Reichweite der Medien nimmt damit ab. Die Vielfalt sowieso. Nicht nur schade, sondern ein echtes Problem.


Min Li Marti ist Verlegerin der Wochenzeitung P.S. und Nationalrätin der SP.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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