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Medienkritik – dünn wie Seidenpapier

Gottlieb F. Höpli

Mit dem Song «Zitti e buoni» (etwa: still und brav), einer rockigen Hymne auf das Aufbegehren und den Ausbruch, hat die junge italienische Band Måneskin das diesjährige Sanremo-Festival gewonnen und wird damit am Eurovision Song Contest von Rotterdam teilnehmen – so dieser denn stattfindet. Am Wochenende, an dem die Gewinner des Wettbewerbs von Sanremo nach fünf endlosen Abenden feststanden, lasen wir im Magazin der NZZ am Sonntag die Titelgeschichte «Schön und stumm» über die italienische TV-Kultur und ihr «eigenartiges Frauenbild». Eine gute Gelegenheit, das nicht ganz taufrische Klischee über das Frauenbild der Italiener und insbesondere ihrer Fernsehlandschaft mit dem realen diesjährigen Grossanlass auf RAI zu vergleichen.

Kein Bericht über das italienische Fernsehen, insbesondere über dessen Privatsender, ohne Erwähnung der «Veline», der knapp bekleideten jungen Frauen, welche die Satire-Sendung «Striscia la Notizia» auf Berlusconis «Canale 5» seit über 30 Jahren umrahmen. Seither stehen sie für das Klischee des sexistischen Kommerzfernsehens, gehört die Kritik an ihnen zum Standard jeder zünftigen Kritik am italienischen Fernsehen. Antiklischee gegen Klischee. Niveau und Kenntnisstand der Kritik oft: dürftig. Von diesem Vorwurf kann man auch die reichlich mit halbnackten Damen garnierte Titelgeschichte des «NZZ am Sonntag»-Magazins nicht freisprechen.

Wohl wahr: An hübsch anzusehenden jungen Frauen fehlt es in italienischen Unterhaltungssendungen nicht. Das ist aber auch in anderen Ländern so. Auch Sängerinnen und Sänger haben bekanntlich keinen Nachteil, wenn sie attraktiv aussehen: Das Auge hört mit. Nicht nur in Italien.

Die Frage, die sich bei einem Vergleich mit anderen Fernsehnationen stellt, muss daher vielmehr lauten: Was bieten die einen, was die anderen nicht haben? Und da kommt man mit dem Fokus auf den weiblichen Teil des Personals zu einem erstaunlichen Befund. Italiens Medien halten ihren gestandenen Bildschirmfrauen die Treue. Und zwar weit länger als öffentlich-rechtliche Medien diesseits der Alpen – die Schweiz nicht ausgenommen. Journalistinnen und Moderatorinnen wie Lilli Gruber, Raffaella Carrà, Maria de Filippi waren oder sind auch als Sechzigjährige auf dem Bildschirm zu sehen. Die Auslandjournalistin und Kriegsreporterin Giovanna Botteri (62) war Gast des entscheidenden Samstagabends in Sanremo und hatte uns durchaus etwas zu sagen über Distanz und Nähe in Zeiten der Pandemie und der Isolation.

Fast unglaublich und von keinem anderen nationalen Fernsehen her bekannt ist aber, wie treu Italiens Fernsehen und sein Publikum an seinen singenden Stars von gestern festhält. Wo sonst als in Sanremo dürfte die grosse Ornella Vanoni – Jahrgang 1934 – zur allerbesten Sendezeit eine Ballade über vergangenen und aktuellen Liebesschmerz singen? Ohne Peinlichkeit, zu Tränen rührend? Wo sonst ist ein Auftritt der auch mit 71 Jahren noch ewigen Provokateurin und Rock-Röhre Loredana Bertè denkbar? Und wo sonst hätte die immerhin 78-jährige Konkurrentin Orietta Berti mit ihrer Canzone «Quando ti sei innamorato» zu Recht so hohe Zustimmungswerte erhalten wie hier in Sanremo? Die Orchesterjury setzte sie gar auf den zweiten Platz.

Und die Männer von Sanremo, der so viel kritisierte italienische Machismo? Den nahm der «Direttore artistico» Amadeus gewissermassen bei den Hörnern, indem er den wohl grössten Narzissten der aktuellen Fussballszene, Zlatan Ibrahimović, als Dauergast einlud. Wo der Milan-Star eine geradezu perfekte Parodie toxischer Männlichkeit darbot. Die er erst am letzten Abend mit einem nahezu pädagogischen Appell an seine Bewunderer aufgab. Des Inhalts, dass zum Gewinnen eben auch das Verlieren gehöre. Sogar bei ihm, dem nach eigener Einschätzung grössten Fussballer Italiens, der zurzeit tatsächlich seinen zweiten oder dritten Frühling erlebt.

Mit Fundamentalkritik an den italienischen Medien haben sich schon viele journalistische Nordlichter versucht. Sie erscheint auf den ersten Blick risikolos und billig zu haben. Doch sie entpuppt sich oft nur als kenntnisarme Reproduktion von angejahrten Antiklischees. Argumentativ dünn wie Seidenpapier. Was Sanremo 2021 gerade wieder bewiesen hat.



Gottlieb F. Höpli ist ehemaliger Chefredaktor des St. Galler Tagblatts und heute Gastautor bei Die Ostschweiz.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Ivan Madeo, 16.03.2021 17:17 Uhr
    Danke Gottlieb F. Höpli. Einer, der den Mut und die Grösse hat, genauer hinzuschauen - nicht nur in Italien, sondern auch im Fernsehen nördlich des Gotthards.
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