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Mit einer Stimme reden lohnt sich

Marcus Knill

Wer öffentlich Wäsche wäscht, kann zwar Aufmerksamkeit generieren. Medien lieben solche Geschichten. Doch bringt dies eine Partei nicht weiter. Wer nicht gelernt hat, Konflikte und Auseinandersetzungen intern auszutragen und nach aussen mit einer Stimme zu sprechen, wird bald erkennen, dass öffentlich ausgetragene Meinungsverschiedenheiten jeder Institution langfristig schaden. Das gilt bei allen Teams, Firmen, aber auch in der Partnerschaft.

Als Ombudsmann bei einer Mittelschule habe ich mit dem «Vier-Augenprinzip» sehr gute Erfahrungen gemacht. Meinungsverschiedenheiten wurden immer zuerst intern unter vier Augen ausgetragen – und zwar mündlich.

Die GLP hat jüngst gegen dieses Prinzip verstossen. Martin Bäumle, der Gründer der Grünliberalen Partei, ist das Ja seiner Partei zur Konzernverantwortungsinitiative so sauer aufgestossen, dass er einige Parteimitglieder anschrieb und ihnen seine Bedenken schilderte. Die Kernbotschaft: «Ich verstehe meine Partei immer weniger. Wir müssen zeigen, dass wir nicht einfach Grüne sind.» Bäumle rechnete nicht damit, dass seine kritische Gedanken an die Öffentlichkeit gelangen. Nachdem seine Bedenken publik wurden, kam es verständlicherweise zu einem Medienhype.

Auch bei der SVP, die früher nach aussen meist geschlossen mit einer Stimme gesprochen hatte, musste in letzter Zeit immer wieder mit prominenten Köpfen rechnen, die sich gegen die Parteiparolen verlauten liessen (beispielsweise bei der Begrenzungsinitiative).

Die FDP wurde beim Rahmenabkommen am linken Fuss erwischt, als sich Altbundesrat Schneider-Ammann kritisch gegen dieses Abkommen öffentlich äusserte. Sein Votum sorgte – wie erwartet – in den Medien für Aufsehen. Zum Ärger der Partei.

Werden Parteipräsidenten von Journalisten auf «Abweichler» oder die Uneinigkeit in der Partei angesprochen, sind meist Antworten zu hören, wie: «Wir sind eine Partei, die unterschiedliche Meinungen erträgt», «Wir schätzen kritische Stimmen» oder «In unserer Partei verteilen wir keine Maulkörbe». Die Bedeutung der koordinierten Aussagen nach aussen, müsste den Verantwortlichen immer wieder neu bewusst gemacht werden. Das hat weder mit Maulkorbpolitik noch mit Zensur etwas zu tun. Eine Partei, die nach aussen geschlossen auftritt und gleichsam mit einer Stimme spricht, überzeugt mehr und wirkt verlässlicher, glaubwürdiger.

Interne Konflikte sind normal. Doch sollten sie nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Die Kommunikationsverantwortlichen sind gefordert, diese Erkenntnisse durchzusetzen. Bewährte Grundsätze: Es lohnt sich immer, Probleme zuerst unter vier Augen – direkt und mündlich – zu bereinigen, statt in der Öffentlichkeit, schriftlich und indirekt.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik und Autor der virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien rhetorik.ch.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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