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Mut zur Meinung

Oliver Errichiello

Menschen mit Überzeugungen sind zu beneiden. Aus dem unendlichen Wirrwarr des Wissens, der Informationen und Meinungen schärfen sie ein eigenes Bild der Welt. Ihre Ansichten werden zu Mitteilungen. Mitteilungen transportieren mehr als eine Information, denn sie wollen Wissen «teilen». Mitteilungen lassen Gruppen Gleichgesinnter entstehen und schliessen andere genau deshalb aus, die wiederum selbst Gruppen bilden. Meinungen sind deshalb so wichtig, weil sie Überzeugungen vervielfältigen, ordnen, stabilisieren und – ständig erneuern.

Überzeugungen und Mitteilungen sind der Treibstoff der Demokratie. Im Widerstreit der Meinungen entsteht im besten Fall ein tragfähiger Kompromiss. Diese Form des konstruktiven Abwägens, Ringens und Diskutierens ist die bisher beste Struktur, die Menschen erdacht haben, um ihr Zusammenleben sensibel und förderlich im Sinne (fast) aller zu organisieren.

Demokratie basiert auf Meinung

Meinungen geben nicht vor, integrativ zu sein. Sie integrieren Sichtweisen, die die eigenen Überzeugungen unterstreichen. Die eigene Überzeugung ist etwas zutiefst Menschliches und verdeutlicht sowohl die Hybris, die Selbstüberschätzung, aber auch die eigene Begrenzung eines jeden Menschen. Meinungen sind frei – das ist ihr ureigenes Merkmal. Ihre Begründung liegt in ihnen selbst. Die Demokratie weiss um dieses Merkmal und seine Gefahren und gleicht sie dadurch aus, dass sich Meinungen in einem Abwägungsprozess zu einer ausgewogenen Ansicht verschmelzen. 

Die Moderne kennt kein richtig

Was wird aus einer Demokratie, deren Akteure sich nur noch bedingt trauen «Meinungen» zu haben? Das ist keine theoretische Frage, sondern eine, die jeden Tag aufs Neue Auswirkungen auf politische Entscheidungsfindungen haben muss. Schliesslich bringt die moderne Welt mit wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen ein unendliches Komplexitätsniveau hervor, das es unmöglich macht, einen Sachverhalt vollständig beurteilen zu können.

Was ist, wenn Atomkraftwerke doch sinnvoll sein könnten? Was ist, wenn eine Europäische Union zu gross ist, um die Verschiedenheiten eines – zum Glück – zutiefst heterogenen Kultursystems Europa allumfassend zu berücksichtigen? Was ist, wenn man eine Impfung ablehnt (aus welchen Gründen auch immer)? In dieser Situation haben sich vermeintliche gesellschaftliche Problemlösungsstrategien herauskristallisiert, die den Umstand der Subjektivität in faktenorientierten Zeiten zu umgehen suchen: Zum einen die «Verwissenschaftlichung des Politischen» und zum anderen der «Definition eines Denkkorridors».

Politik als Ersatzwissenschaft

Die Verwissenschaftlichung des Politischen lässt sich idealtypisch an Akteuren wie Angela Merkel erkennen. Bereits vor der Coronapandemie wurde immer wieder die «naturwissenschaftliche Biografie» der Kanzlerin herausgehoben und betont. Emotionslos wäge sie Fakten ab und käme zu einem «pragmatischen» und «ideologiefreien» Ergebnis. Diese Form der Verortung des Politischen hebelt alternative Denkansätze aus – sie sind schlichtweg nicht mehr logisch. Eine andere Sicht ist allenfalls schräg, unwissenschaftlich oder verschwörungstheoretisch. Strukturell betrachtet geht es nicht um Personen, sondern um die Verortung des Politischen als «Ersatz-Wissenschaft», um sich im Kontext der veröffentlichten Meinung zu legitimieren.

Klare, unbefleckte Denkräume

Der zweite Aspekt der Faktenorientierung beruht auf der Vermessung möglicher Denkräume. In diesen Bereich fallen Ansichten, die als «common sense» repetierend in Leitartikeln, boulevardesken Schlagzeilen, bestimmten «Szenen und Kreisen» von Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft auftreten. Dieser ist dem Zeitgeist unterworfen und mag die eine oder die andere politische Fraktion bevorteilen. Es ist üblich, von einer Ansichtshegemonie in Bezug auf bestimmte Inhalte zu sprechen – das mag stimmen, greift aber bei Weitem zu kurz und ist zu simpel. Problematisch ist, wenn um diesen Fixpunkt herum Meinungen nicht vertreten werden oder ihre Ablehnung gut sichtbar inszeniert wird (in der Person des investigativen Journalisten), weil ihnen dennoch (obwohl sie auf den Gesetzen der Verfassung argumentieren) eine ethische Integrität abgesprochen wird.

Bleierne Ideentautologien

Neben der Vermessung des Sagbaren ist die veröffentlichte Meinung immer in Gefahr, aus Sorge um die Verletzung der Diskussionsgrenze auf das übliche Reservoir der Meinungen zurückzugreifen. Eine bleierne Ideentautologie macht sich Platz. Eben genau dieser eigenverantwortete Prozess ebnet den Weg für eine politische Wirklichkeit, in der sich bestimmte Gruppen der Bevölkerung, unerheblich ob sie einem persönlich genehm sind oder nicht, aus dem politisch-gesellschaftlichen Diskurs verabschieden. Mit fatalen Folgen für die Demokratie und die politische Szene, die die gesellschaftliche Wirklichkeit als tagtägliche Nadelstiche von Gegenmeinungen in einer medial vorgeprägten Welt nicht mehr wahrnehmen.

Es wundert nicht, wenn das heutige Politische immer mehr seinen eigentlichen Kraftstoff verliert: den gestaltenden Widerstreit.

Ich persönlich kann mit Linksextremen, Rechtsextremen oder Gläubigen einer übergreifenden «Weltänderungsstrategie» nichts anfangen, aber eben genau die Möglichkeit, dies kundzutun und für meine Meinung einzustehen und anderen ihre Meinung zu lassen, ist getragen von der Überzeugung, dass subjektiv geprägte Argumente und nicht Ausschlüsse überzeugen sollten. Und zwar nicht nur in den bekannten Gefilden und Mikrosystemen der eigenen Meinung, sondern da wo Gegenwinde kräftig pusten und die eigenen Gedanken neu geordnet werden müssen, um der Wahrheit (wie sie auch sei) ein Stück weit näherzukommen.

Ja, es gibt eine Wahrheit …, aber eben immer nur bis zum Beweis des Gegenteils …



Oliver Errichiello ist Professor für Markensoziologie, Geschäftsführer des Büros für Markenentwicklung und lehrt an der Hochschule Luzern. Er gehörte zur Gründungsmannschaft des legendären Instituts für Markentechnik in Genf.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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