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Nur tote Hunde tritt man nicht

Louis Perron

Jim Messina, der Manager von Barack Obamas Wiederwahlkampagne, soll gesagt haben, sein liebster Politphilosoph sei Mike Tyson. Und in der Tat: Wer sich im Wahlkampf befindet, wird wohl früher oder später mit Anschuldigungen, Vorwürfen oder angeblichen Skandalen konfrontiert werden. Stars, Sportlern und auch Firmen geht es zuweilen ebenso. Eigentlich ist das ja ein Kompliment, denn nur tote Hunde tritt man nicht.

Wer Zielscheibe eines Angriffs wird, hat klassischerweise die folgenden strategischen Möglichkeiten:

Anschuldigung ignorieren und aussitzen: Das ist heutzutage schwierig geworden. Der Newszyklus ist permanent und wegen der sozialen Medien (leider) zusehends polarisiert und emotional.

Sich verteidigen: Häufig geht das mit einer Gegenoffensive einher («die greifen mich an, um von ihrer Regierungsbilanz abzulenken»).

Die Anschuldigung ins Lächerliche ziehen: Das beste Beispiel dazu ist der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky. Als er zur Zielscheibe von Angriffen wurde, machte er einen Wettbewerb daraus und rief seine Unterstützer auf, die lächerlichsten Vorwürfe einzuschicken. Als Komiker war er für diese Strategie prädestiniert.

Zugeben und Besserung versprechen: Bei dieser Strategie braucht es konkrete Massnahmen, um sie glaubwürdig zu machen. Je schneller und vollherziger man das macht, desto effizienter ist die Strategie. Leute vergeben grundsätzlich gerne.

Juristisches Vorgehen: Oft hätten Politiker juristisch gar keine schlechte Karten, um sich zu wehren. Das Problem ist, dass man politisch häufig längst tot ist, bis die juristische Reinwaschung dann allenfalls kommt.

Und welche Strategie verfolgt zum Beispiel Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen, die momentan mit einer Serie von Anschuldigungen konfrontiert wird? Es scheint mir eine Mischung von allem ausser dem juristischen Vorgehen zu sein.



Louis Perron ist promovierter Politologe, Politberater und Dozent für politisches Marketing an der Universität Zürich.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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