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: Offener Brief an einen Zensor

Lieber Roger Schawinski

Konsterniert habe ich zur Kenntnis genommen, dass Du die Sendung "Roger gegen Roger" kurzfristig eingestellt hast. Die Debatten seien im Licht der Nationalrats-Kandidatur von Roger Köppel für die SVP "unergiebig" geworden. Dies sei "für viele Hörer von Radio 1 nicht mehr zumutbar". Der Besitzer und Chef des Lokalradios nur für Erwachsene lässt sich zitieren: "Ich habe diesen Entscheid erst nach langem Zögern und vielen Gesprächen gefällt. Aber mein journalistisches Grundverständnis lässt keinen anderen Schluss zu." Mit dem Hauptbetroffenen vorher zu reden, gehört offenbar nicht zu diesem Grundverständnis.

Da hätte ich ein paar Fragen zu einem solchen journalistischen Grundverständnis. Vor folgendem Hintergrund. Nicht nur anlässlich der Hildebrand-Affäre gab es wohl kaum einen, der Roger Köppel öffentlich massiver kritisierte als ich. Ich regte sogar die Einstellung des Blatts an und forderte, dass der Besitzer den Verleger anweisen solle, den Chefredaktor wegen gravierenden Fehlleistungen zu entlassen, was leider wegen Personalunion nicht möglich sei. Wenige Wochen später veröffentlichte dieser Chefredaktor ohne zu zögern einen Artikel von mir in der "Weltwoche". Auch Du, Roger, hast immer wieder Platz in den Spalten des Magazins gefunden, um Deine zu Deinem Namensvetter völlig konträre Meinung zu publizieren.

Du bist mit Roger Köppel auf Tour gegangen und hast Säle gefüllt, Du lädst ihn immer wieder gerne in Deine Talkshow im Schweizer Fernsehen ein. Alles Beiträge zur gerade in der Schweiz so seltenen konfliktiven Auseinandersetzung zwischen konträren Positionen. Der eine Roger führt nun an, dass der andere Roger vor allem in der aktuellen Flüchtlingsdebatte politische Parolen "in immer extremerer Form" vortrage. Zufällig habe ich die entsprechende Sendung vom Montag vergangener Woche gehört. Nichts von dem, was Roger Köppel in ruhigem Ton äusserte, erschien mir "unergiebig", "unzumutbar" oder gegen Sitte und Anstand verstossend.

Wer sich in der Öffentlichkeit artikulieren will, braucht dazu Plattformen, Multiplikatoren, Lautsprecher. Gestatte die Frage, lieber Roger Schawinski, wie es um Dein «journalistisches Grundverständnis» bestellt ist. Kann man, nicht nur in der Flüchtlingsdebatte, völlig anderer Meinung als Dein Namensvetter sein? Aber sicher. Vertritt der Positionen, die man vom öffentlichen Diskurs ausschliessen muss, wo man es kann? Wenn ja, welche genau, und ist "unergiebig" wirklich ein ausreichendes Argument?

Könnte es nicht sein, dass Du, als wahrlich alter Talkshow-Hase und nicht gerade dafür bekannt, Gesprächspartner mit Wattebäuschen zu bewerfen, nicht zwischen moralischer Erregung über eine von Deiner Meinung abweichenden Position und dem seit der Aufklärung gültigen Grundverständnis über das öffentliche Austauschen von Ansichten unterscheiden kannst? Du bist doch ein gebildeter Mensch und kennst Voltaire, der gesagt hat: "Ich hasse Ihre Ideen, aber ich würde dafür töten, damit Sie das Recht haben, sie zu äussern."

Wer sich nicht daran hält, wer keine inhaltlich überzeugende Begründung dafür liefern kann, einem anderen das Mikrophon abzustellen, begeht einen Fehler. Würde man Roger Schawinski danach beurteilen, dass seine Meinungen, seine Talkshows, seine schriftlichen Äusserungen für einige oder viele "unzumutbar" sind, könnte man mit dem gleichen "journalistischen Grundverständnis" die Absetzung seiner Talkshow und die Einstellung seines Senders fordern. Ich tat es damals im Fall Hildebrand wenigstens nur ironisch, abgesehen davon, dass ich gar nicht die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Dir, lieber Roger, ist es aber ernst, und Du hast die Macht über Deinen Sender. Wem Du in Deinem Radio nicht mehr das Wort erteilen willst, kannst Du auch nicht mehr in Deine Monopol-Talkshow im Schweizer Fernsehen einladen. Das ist aschgrau, widerspricht nicht nur jedem akzeptablen "journalistischen Grundverständnis", sondern ist ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten. Dieser Entscheidung ermangelt jegliche Souveränität, es wäre wenigstens ehrlich gewesen, wenn Du gesagt hättest: Der geht mir einfach auf den Sack. Schlimmer noch: Wenn Du wenigstens argumentiert hättest. Also: "Roger Köppel hat das und das gesagt. Das ist nicht nur falsch, sondern aus folgenden Gründen inakzeptabel und verdient deshalb keine öffentliche Verbreitung." Aber "unergiebig", "unzumutbar", "extreme Form"?

Fehler begeht jeder, irren ist menschlich. Wahre Grösse, lieber Roger, besteht aber darin, einen Fehler einzusehen, einen Irrtum zu korrigieren. Und damit einen wichtigen Beitrag zur Meinungsfreiheit zu leisten. Ich hoffe, dass Du diese Grösse hast. Es würde Dich ehren.

Herzliche Grüsse

René Zeyer"

Der Autor schreibt gelegentlich für die "Weltwoche" und war bereits Gast in der Talkshow "Schawinski" und in "Doppelpunkt".

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