Seit bekannt ist, dass ein Grossteil des SRF-Radio-Studios Bern nach Zürich verlegt werden soll, steht die SRG wieder einmal im Regen. Der Widerstand ist überraschend breit. Sogar die SRG-Intimfeinde aus der SVP reihen sich lauthals in diesen Protest ein. Im Zentrum der Debatte steht die Sorge um die journalistische Qualität der betroffenen Radio-Sendungen wie «Echo der Zeit» oder «Rendez-vous» und die Angst vor der Zürcher Dominanz. Auch wenn die Details des Projektes noch nicht bekannt sind, von aussen betrachtet, erscheinen beide Ängste nicht plausibel.
Zur journalistischen Qualität: Warum diese leiden soll, wenn zum Beispiel die Auslandredaktion nach Zürich verlegt wird, ist nüchtern betrachtet nicht nachvollziehbar. Macht es einen Unterschied, ob das Geschehen etwa in Libyen oder Venezuela aus Bern oder Zürich beobachtet wird? Macht es einen Unterschied, ob der Korrespondent in Peking oder Brüssel mit Bern oder Zürich kommuniziert? Gibt es eine Berner und eine Zürcher Sicht auf Putins oder Trumps Politik? Es gibt verschiedene Deutungen und Wertungen des Weltgeschehens, natürlich. Aber diese haben nichts mit einem Standort Bern oder Zürich zu tun. Und dass etwa ein «Echo der Zeit» durch den Umzug eine Qualitätseinbusse erleidet, kann kein Naturgesetz sein. Offenbar haben die Journalisten in Bern Angst, von einem alles nivellierenden Zürcher Bazillus infiziert zu werden.
«Die vielbeschworene nationale Klammerfunktion bleibt unangetastet»
Wer das Fernsehangebot kennt, weiss, dass auch am Leutschenbach substantielle Publizistik angeboten wird. Das Wirtschaftsmagazin «Eco» oder «Dok» – um nur zwei Beispiele zu nennen – werden in Zürich produziert. Will jemand ernsthaft behaupten, «Eco» oder «Dok» seien von minderer Qualität? Auch in diesen Redaktionen arbeiten leidenschaftliche, höchst professionelle Journalistinnen und Journalisten, die sich dem Qualitätsjournalismus verpflichtet fühlen und dies mit ihrer Arbeit unter Beweis stellen. Wie deren Kolleginnen und Kollegen in Bern.
Radio und TV unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Dass allein schon die örtliche Nähe zum Fernsehen die Qualität der Radio-Sendungen beeinträchtigen soll, ist bestenfalls eine Behauptung. Sonst wären die «Sternstunden» am Sonntag schon längst einer Jass-Sendung gewichen.
Zur Zürcher Dominanz: In der aktuellen Diskussion geht ein wesentlicher Punkt meist unter. Die Inland-Redaktion soll in Bern bleiben, also nicht nach Zürich verlegt werden. Das ist richtig so. Nicht nur ist Bern das Zentrum der nationalen Politik. Die spürbare Nähe zur Westschweiz ist ein Berner Standortvorteil. Daraus ergibt sich im Idealfall eine andere publizistische Sensibilität. Denn die Wahrnehmung der Schweiz ist in Bern tatsächlich anders als in Zürich. Eine Konzentration an der Limmat wäre der Vielfalt der Inlandberichterstattung abträglich. Aber eben: Ein Umzug der entsprechenden Redaktion ist ja gar nicht vorgesehen. Kommt hinzu, auch dies wird gerne unterschlagen: SRF will die Regionalbüros personell verstärken. Die vielbeschworene nationale Klammerfunktion bleibt unangetastet.
Wie können die Radio-Redaktionen, die nach Zürich ziehen sollen, am Leutschenbach integriert werden, ohne ihre Identität zu verlieren? Wie gelingt es, die Qualität der Sendungen langfristig zu erhalten? Wie wird die interne publizistische Vielfalt gewährleistet? Wie bewältigt man die anstehenden Transformationsprozesse im Sinne des Qualitätsjournalismus? In einer konstruktiven Diskussion wären das die zentralen Fragen.
Diego Yanez war bis 2014 Chefredaktor TV beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Seither ist er Direktor der Journalistenschule MAZ in Luzern.
Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
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10.09.2018 10:30 Uhr
07.09.2018 17:03 Uhr



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Radiostudio Bern: Qualität ist nicht eine Frage des Standortes