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RTL und die neue Realität

Pierre Rothschild

Reinhard Mohn, der Bertelsmann zum Weltkonzern gemacht hat, wurde «der stille Mann von Gütersloh» genannt. Und es ist auch im Konzern so geblieben, in Ruhe zu lenken. Die Konzernleitung ist stets und immer im Hintergrund, bei einem Jahresumsatz von 18 Milliarden Euro und Aktivitäten rund um die Welt nicht immer einfach. Und es wäre auch jetzt Ruhe, wenn die Entscheidungen nicht so sichtbar wären. Aber es geht um Fernsehen, es geht um Stars. Und wenn Stars wie Dieter Bohlen und Oliver Pocher aus dem Programm genommen werden, lässt das aufhorchen, und die Diskussion in der Öffentlichkeit ist nicht zu vermeiden.

Geht es nur um die mehr als grenzwertigen Worte von Dieter Bohlen? Und geht es um mehr als die Comedy von Oliver Pocher, die nicht alle lustig finden? Natürlich geht es – wohl etwas spät – um die Unternehmenskultur bei RTL, die man mit Vorbehalten akzeptieren musste, solange die alte Formel des klassischen TV-Konsums fast alleine regierte. Doch diese Formel hat sich verändert.

Bjørn von Rimscha ist Medienökonom von der Universität Mainz und sagt: «RTL scheint zu realisieren, dass es vergebene Liebesmüh ist, das lineare Fernsehen zu verjüngen.»

Plötzlich entdecken die TV-Sender für die klassische Verbreitung ein älteres Publikum. Schon 2013 hat RTL die Werbezielgruppe bis auf 59 Jahre erweitert. Diese Zuschauer sind nun noch älter geworden. Und bei RTL handelt man klug. Thomas Gottschalk, 70, ist jetzt bei RTL in zahlreichen Formaten zu sehen. Neu ist bei RTL Jan Hofer. 35 Jahre war er «Tagesschau»-Sprecher der ARD – jetzt setzt ihn RTL unter anderem in einer Tanzshow ein. Hofer ist 69. So wie Uli Hoeness, neuer Fussball-Experte bei RTL.

RTL will damit zeigen, dass man den Weg vom Bildschirm ins Internet nicht mit «Umpflanzungen» machen kann, sondern mit dem Aufbau zweier Welten. Das Internet-Angebot «RTL now» wird Ende Jahr völlig neu als «RTL+» starten.

RTL sieht – mit den gigantischen Summen, die Bertelsmann hat –, dass alles nicht so einfach ist, wie es sich viele Medienunternehmen vorstellen. Visionen und Strategien sind wesentlich, um das zu bewahren, was man (noch) hat. Das gilt für alle Medien – auch bei uns.



Pierre Rothschild ist freier Medienunternehmer in Zürich in den Bereichen Filmproduktion und Presse.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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