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Schlachtfelder auf Twitter, Telegram und Facebook

Andreas Hugi

Ein Krieg ist immer auch ein Informations- und Kommunikationskrieg, ein Kampf um die «Lufthoheit» des eigenen Narrativs, ein Kampf um die Sympathien und Herzen. Diesen Kampf hatte die Ukraine bereits wenige Stunden nach Beginn der russischen Invasion gewonnen, so scheint es. Ja, weil sie recht haben und das Recht auf ihrer Seite haben, könnte man nun antworten. Aber Krieg ist weder gerecht, noch gewinnen immer die Guten. Vor allem nicht, wenn man von einem Meister der Desinformation und Propaganda angegriffen wird.

Die russische Armee, so die gängige Haltung, spielt in der Königsklasse der sogenannten «Info-Operationen», also der von der obersten militärischen Ebene gesteuerten Informationskriegsführung (inklusive elektronischer Kriegführung, Computernetzwerkoperationen und militärischer Täuschung). Doch die russische Propaganda wirkt langsam, «gouvernemental», hölzern und unglaubwürdig: Die Ukraine, ein «Nazi-Regime», das den Abwurf «schmutziger Bomben» auf russischem Territorium plant und Genozide vorbereitet? Glaubt das wirklich jemand?

Dagegen wirken die verwackelten Handy-Videos des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, in denen er Durchhalteparolen ausgibt, glaubwürdig und sympathisch. Und die unzähligen, auf Twitter geposteten Videos ukrainischer Armeeangehörigen und Zivilisten zeigen die Gefangennahmen russischer Soldaten, zerstörte russische Armeefahrzeuge und die Mobilmachung der ukrainischen Territorialeinheiten, kurz: die militärischen Erfolge und den Durchhaltewillen der Ukraine. Natürlich sind das nicht überprüfbare Einzelereignisse, aber sie erobern die Herzen der Social Media Community im Sturm und finden den Weg in die traditionellen Medien.

Gleichzeitig scheint die Ukraine den Spagat zwischen der Operationssicherheit (OpSec) und dieser «Social Media Guerilla» zu schaffen: Die Mehrheit der Ukrainerinnen und Ukrainer scheinen dem Aufruf der offiziellen Stellen zu folgen, eigene Truppenbewegungen nicht zu dokumentieren und nur Bilder und Videos russischer Kräfte zu posten.

In diesem Gegensatz zwischen offizieller Informationskriegsführung auf (militär-)strategischer Ebene, wie es Russland betreibt, und dem taktischen, schnellen Einsatz von empathischen und echten Bild- und Filmbeiträgen «von der Front», wie es die Ukraine praktiziert, zeigt sich die ganze Dynamik der sozialen Medien mit ihren eigenen Regeln. Wer den Informationskrieg auf Twitter, Telegram und Facebook gewinnen will, muss als Staat und als Armee lernen, «loszulassen», also Kontrolle abzugeben, und darf nicht der Illusion verfallen, Information und Kommunikation können zentral gesteuert werden (so wie Russland, das ein generelles Mobile-Verbot für alle Soldaten erliess).

Wer die Herzen und Köpfe in einem Informationskrieg gewinnt, hat natürlich den eigentlichen Krieg noch lange nicht gewonnen. Aber im heutigen Informations- und Kommunikationszeitalter ist dies ein entscheidender Geländegewinn. Hoffen wir, dass er der Ukraine hilft.


Andreas Hugi, CEO und einer der Gründer von Furrerhugi, ist Präsident des Vereins «Komm Netzwerk Armee» und als Milizoffizier Kommunikationschef der Territorialdivision 2.

Unsere Blogautoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Franci Kindlhofer, Bled, Slowenien, 07.03.2022 00:02 Uhr
    Sehr guter Beitrag. Gerade habe ich die serbische Kritik an der Entlassung des Journalisten Christian Müller gelesen.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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