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Schlechte Nachrichten sind gleichsam sexy

Marcus Knill

Immer wieder wird von den Medien gefordert, mehr positive Nachrichten zu bringen – vor allem nach den monatelangen dominierenden Themen Corona, Ukraine und Affenpocken. Doch zeigen Untersuchungen, dass die Konsumenten an Bad News grösseres Interesse haben als an erfreulicheren Geschichten. Aussergewöhnliches hat seit Menschengedenken seinen besonderen Reiz.

Der Mensch hat den Drang, negative Nachrichten zu geniessen. Wäre es nicht so, würden die Boulevardmedien nicht gelesen. Die Rechnung mit der Erfolgsformel «Tränen, Blut, Sperma» scheint auch bei der Regenbogenpresse aufzugehen. Der Mensch kann Negatives «besser» aufnehmen. Dieses Phänomen lautet als Fachbegriff «Negativity Bias». Im Lexikon der Psychologie und Pädagogik handelt es sich beim Negativitätsbias, auch Negativitätseffekt oder Negativitätsdominanz genannt, um eine weit verbreitete menschliche Neigung, sich von negativen Ereignissen und Emotionen stärker beeinflussen zu lassen als von positiven.

Dieser Negativitätsbias war vor Hunderten von Jahren überlebenswichtig, denn für diese Menschen war es damals wichtig zu wissen, welche Früchte schwer verdaulich oder sogar giftig waren, wo Bären hausten oder Raubtiere auf Jagd gingen. Deshalb wurden alle Erfahrungen und Sinneseindrücke genauestens analysiert und gespeichert. Vermutlich liegt es auch an diesem evolutionären Erbteil, dass heute noch Menschen an negativen Erinnerungen kleben bleiben, auch wenn sie manchmal die Menschen eher behindern. (Stangl, 2022).

Negatives bleibt besser im Gedächtnis haften. Das zeigt sich auch beim Medienkonsum. Unsere psychologische Tendenz sorgt dafür, dass Bad News eher ins Auge fallen als Good News. Negative Schlagzeilen werden eher angeklickt. Die Medien als vierte Gewalt haben zudem die Aufgabe, bei Problemen und Konflikten hinzuschauen. Wenn sie nur Positives berichten, würden sie diese Pflicht vernachlässigen.

Übertriebenes Interesse an schlechten Nachrichten kann zur Sensationslust verkommen (Gaffer bei einem Unfall). Doch verstehe ich Menschen, die sich nach einem Verkehrsunfall, einer Katastrophe oder einem Verbrechen für den Hergang interessieren. Wer die Ursache erfährt, kann aus distanzierter Sicht etwas lernen. Es ist durchaus möglich, nach dem Betrachten eines Fotos von einem Auffahrunfall zu erkennen, dass künftig dem Abstand mehr Beachtung zu schenken ist.

Wer hat es nicht schon im Alltag erlebt, wie bei einer lockeren Runde (Pausengespräch, Stammtisch usw.) alle Zwiegespräche verstummen, wenn ein Teilnehmer nur halblaut eine schlechte Nachricht über eine nicht anwesende Mitarbeiterin erzählt.

Natürlich berichten die Medien zum Beispiel über Verbrechen im Ton tiefster Betroffenheit, schon deshalb, um die Leser, Hörer oder Zuschauer von der edlen Gesinnung ihrer Mitarbeiter zu überzeugen. Was mit vielen, möglichst grauenhaften Bildern erfolgen soll. Während bei positiven Nachrichten nur wenig Möglichkeit besteht, sich selbst ins gute Licht zu setzen. Es lässt sich eben ausführlich über die Gräuel eines Krieges (verursacht durch die Bösen) berichten, aber wohl nicht so sehr über einen Abend mit einer Selbsthilfegruppe.

Allerdings merken die Menschen irgendwann, dass sie gelenkt oder für dumm verkauft werden sollen, was den Medien die Glaubhaftigkeit nimmt.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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