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Schluss mit diesem Unfug

Fibo Deutsch

Herzzerreissende Szenen in der «Tagesschau», frierende Flüchtlinge irren in Nacht und Kälte durch einen Wald an der weissrussischen Grenze, Kinder weinen. In meinem Briefkasten finde ich ein Couvert mit einem Paar Fingerhandschuhen und der Aufschrift «Schützt Sie vor Kälte». Absender ist die Schweizerische Flüchtlingshilfe in Bern.

Die Handschuhe aus billigem Material, sieht nur aus wie Wolle, in einer grauslichen neongrünen Farbe, sind die Werbebeilage, das Gadget, eines Spendenaufrufes dieser Organisation. Handschuhe für Schweizer sollen Geld locker machen für Flüchtlinge in Not. «Schutzsuchende und verfolgte Mitmenschen brauchen dringend unser Engagement – und Ihre Spende», schreibt Miriam Behrens, die Direktorin der Schweizerischen Flüchtlingshilfe im Begleitbrief der Spendenaktion.

Der geschenkte Handschuh zum beiliegenden Einzahlungsschein soll den Griff in Portemonnaie, noch lieber in die Brieftasche beflügeln. Erfahrungsgemäss erhöhen Geschenkbeilagen die Aufmerksamkeit in der routinemässigen Post und bewirken eine Steigerung des Rücklaufs und der Erfolgsquote teilweise um das zwei- bis vierfache.

Schluss mit diesem Unfug! Schluss mit dem Versand von nicht bestellten Werbeartikeln, die mehrheitlich eh im Abfall landen. Schluss mit beschrifteten Kugelschreibern, Adress-Klebeetiketten, Kalendern und anderem unnützem Beiwerk. Mit den Handschuhen in die warmen Schweizer Stuben statt direkt ins Notgebiet hat die Flüchtlingshilfe jetzt endgültig übertrieben.

Aber, oh Wunder: Es ist aussergewöhnlich, lobens- und beachtenswert, dass die Schweizerische Flüchtlingshilfe jetzt die Konsequenzen zieht: Mutig hinterfragt sie die Aktion und überlegt sich eine Abkehr von der bisherigen Geschenklipraxis. Remo Gubler, Leiter des Fundraisings bei der Flüchtlingshilfe, begründet den Gesinnungswandel: «Die Zeiten haben sich geändert. Die Materialschlacht muss endlich ein Ende haben. Die Handschuh-Aktion war nicht passend, ich würde sie nicht mehr machen. Wir hatten zudem Pech mit dem Zeitpunkt, die Produktion wurde lange vor der Belarus-Tragödie in Auftrag gegeben.»

Und Gubler richtet sich auch an die Kolleginnen und Kollegen anderer Hilfsorganisationen: «Wir müssen uns generell überlegen, ob diese Werbemethoden mit den hehren Zielen unserer Organisationen länger vereinbar und noch zeitgemäss sind.» Er verweist auf die Kosten und den Wegwerfeffekt, denn insbesondere beim Anschreiben neuer potenzieller Spender lande wohl ein grosser Teil im Abfall. Gubler skizziert die Zukunft der Werbeaktionen: «Vielleicht müssen wir für kurze Zeit eine kleine Einbusse bei den Spenden in Kauf nehmen. Aber dafür können wir mit gutem Gewissen zu den Werbemethoden stehen.»



Hans Jürg (Fibo) Deutsch arbeitete seit 1960 für Ringier und hatte die verschiedensten Funktionen, unter anderem Chefredaktor der Schweizer Illustrierten.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Christian Heeb , 21.11.2021 13:38 Uhr
    Gut gebrüllt Löwe. Und was sollen in der heutigen Bündel von Postkarten oder Ende Oktober ein Kalender für nächstes Jahr? Den brauchte ich spätestens ab August. Jetzt heisst es nur noch brav zwischen Papier- und Textilabfall zu trennen.

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