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Smartphone-Sklaven der Generation zwanzigzehn

Manfred Klemann

Am Donnerstag, dem 17. Mai dieses Jahres, besuchte ich das Museum für Gestaltung in der Ausstellungsstrasse in Zürich. Vor dem Museum ein grosszügiger Platz mit Bänken und Brunnen. Gerade kommt eine vielleicht vierzigköpfige Klasse junger Leute aus dem Museum und sammelt sich auf dem Platz; zwei Lehrkräfte sind dabei. Und ich sehe mit Schrecken: Alle, ausnahmslos alle Schüler und die beiden Lehrkräfte starren mit hypnotisiertem Blick auf ihre Smartphones. Keinerlei Gespräche, keinerlei Albereien, keine Anmache oder Blickkontakte der jungen Leute untereinander. Fast zwanzig Minuten lang, ehe ein Schülerbus sie abholt. Smartphone-Sklaven der Generation zwanzigzehn.

Am nächsten Morgen erwache ich in einem Zürcher Hotel und gehe in den Frühstücksraum. Gut besucht; alles schweigt. Klar, morgens liest man die Zeitungen und lässt sein Gegenüber in Ruhe. Zeitungen? An keinem einzigen Tisch liest einer eine Zeitung. Und meine Frage an den Kellner nach einer Tageszeitung wird erstaunt registriert. Er müsse da erst an der Rezeption nachfragen, ob sie so was noch hätten. Später: Nein, sie hätten keine Zeitungen mehr, aber ich könnte einen Tablet-Computer bekommen. Um dann, wie die anderen Gäste, auf den Tisch zu starren, knapp am Teller vorbei, wo Smartphones oder Tablets und gerne auch Laptops liegen. Hier sitzt nicht die Generation zwanzigzehn. Hier sitzt der gut situierte ältere Handy-Sklave.

Ich fliege mit der Swiss nach Palma und freue mich, die 90 Minuten im Flugzeug mit der genialen «Neuen Zürcher Zeitung» verbringen zu können, die ja – zumindest in der Businessclass – verteilt wird. Ich bekomme Wasser und ein Erfrischungstuch vor dem Abheben der Maschine; bloss, wo bleibt die Zeitung? Ich frage bei der Stewardess nach: Nein, Zeitungen habe man abgeschafft. Wollen die Gäste angeblich nicht mehr. Doch! Ich will! Ich will! Ich will!

Der Guru der Kommunikationswissenschaft, Marshall McLuhan, hat in einem seiner erfolgreichsten Werke über die «Extensions of Man» (Orell Füssli) philosophiert. Er sprach – seiner Zeit entsprechend – dabei vom Kran als Verlängerung (Extension) der Greifwerkzeuge, vom Rad als Erweiterung (Extension) der Beine, vom Fotoapparat als Extension der Augen. Mit dem Smartphone nun haben wir die Extension von Sprache, Gehör und Sehen in einem; und von Kommunikation allgemein im Gesamten. Der vornübergebeugte Mensch, der auf sein Handy starrende Mensch ist damit in der Logik von McLuhan eine Weiterentwicklung des Homo sapiens, der solche Erweiterungen tatkräftig nutzt und auch problemlos in seine Welt integrieren kann und soll.

Steht es mir da zu, der ich den «kommunikativen Zufall» als zentrales Thema der Lebenswirklichkeit sehe, diese Extension schlechtzumachen? Nein. Natürlich wird die Generation zwanzigzehn weder verblöden noch verarmen und schon gar nicht kopfloser und dümmer sein als die Generation vor ihr. Im Gegenteil: Wenn wir zurückschauen auf die Torheiten der Generation Golf oder der 68er-Generationen, auf die Rassisten und Nazis der Zwanziger-, Dreissiger- und Vierzigerjahre, auf die Kleinstaatler, die Adligen und Hörigen des 19. Jahrhunderts und deren Verhalten, werden wir eine prächtige Millenniums- und eine vorzügliche Zwanzigzehn-Generation bekommen.

Es gilt nur, wie bei jeder Extension unseres Lebens, zu entscheiden, welche wir ausprobieren und nutzen: Auf die Menge kommt es an. Ein Joint in der Woche schadet wohl nicht. Aber fünfzig Joints dann doch schon. Eine Flasche Rotwein am Wochenende verlängert und erfüllt das Leben; fünf Flaschen jeden Tag bringen einem früher ins Grab. Zum gelebten «Ego-Projekt» (Roger Schawinski) gehört es, Spass und Mass zu haben. Fast eine Predigt, ich weiss. Aber, wo ich gerade am Nebentisch zwei Paare sitzen sehe (in ihren Fünfzigern, würde ich tippen), die alle vier an ihrer Extension «Handy» hängen, darf ich in so einer Kolumne auch mal fürs rechte Mass beim Handykonsum predigen.

Und der oben zitierte Marshall McLuhan hat in seinem Buch «The Extensions of Man» keineswegs einem blinden Vertrauen in die jeweils nächste Erfindung das Wort geredet. Nach ihm verstärkt oder beschleunigt jedes neue Medium existierende Prozesse und «bewirkt eine Veränderung des Massstabs, der Geschwindigkeit, der Form und des Musters der menschlichen Zusammenarbeit, Beziehungen und Handlungen, wodurch psychische und soziale Konsequenzen entstehen». Wir sollten diesen Konsequenzen in positiver Offenheit, aber auch mit dem gebührenden Respekt unsere politische und menschliche Aufmerksamkeit schenken.     


     

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Dan Riesen, 21.06.2018 17:52 Uhr
    Die Theorie von Marshall McLuhan hat schon was, doch wie der Author auch sagt, wird das Smartphone momentan von vielen zu exzessiv genutzt. Wird sich meiner Meinung nach aber bald legen, wenn die Sehnsucht nach echtem sozialen Kontakt wieder aufkommt. Zeitungen haben aber definitive ausgediehnt!

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